In den Reihen der Türken ertönten Trompeten und Pfeifen; das war für die Kämpfer das Zeichen, daß es Zeit sei, die Reihen zu schließen, und so eilten sie zu den ihrigen zurück, mit Schmach bedeckt, voll Grames und mit dem Andenken an den furchtbaren Reiter im Herzen.
»Das war der Satan!« sagten die Spahis und Mamelucken zueinander, »wer mit ihm zusammentrifft, dem ist der Tod gewiß,« — »der Satan, kein anderer.« Die polnischen Reiter verweilten noch einen Augenblick, um zu zeigen, daß sie das Feld behauptet hatten; dann erhoben sie ein dreifaches Siegesgeschrei und zogen sich endlich unter dem Schutze der Kanonen, die Potozki wiederum in Tätigkeit treten ließ, zurück. Auch die Türken wichen weit zurück; einen Augenblick glänzten ihre Burnusse, ihre farbigen Kepis und die schimmernden Visiere in der Sonne, dann verdeckte sie der blaue Horizont. Auf dem Schlachtfeld blieben nur die Türken und die Polen, die das Schwert getroffen hatte. Die Knechte kamen aus dem Schlosse, um die Leichen zu sammeln und sie zu begraben, und zuletzt flogen die Raben herbei, um auch den gefallenen Heiden den letzten Dienst zu erweisen. Aber ihr Leichenschmaus währte nicht lange, denn noch an demselben Abend scheuchten sie neue Heerscharen des Propheten von ihrem Mahle auf. —
Am folgenden Tage ritt der Vezier selbst an die Mauern von Kamieniez heran an der Spitze eines zahlreichen Heeres von Spahis, Janitscharen und vom allgemeinen Aufgebot. Bei der großen Zahl seiner Truppen konnte man anfangs meinen, er werde einen Sturm versuchen; er wollte indessen nur die Mauern der Stadt in der Nähe besichtigen. Die Ingenieure, die ihn begleiteten, untersuchten denn auch die Festung und die Erdaufschüttungen. Diesmal trat dem Vezier Herr Myslischewski mit dem Fußvolk und einer Abteilung freiwilliger Berittener entgegen, und wieder kam es zu Einzelkämpfen, die für die Belagerten erfolgreich, wenn auch nicht so glänzend endeten wie am vergangenen Tage. Endlich befahl der Vezier den Janitscharen, zum Schein gegen die Mauern vorzurücken. Der Donner der Geschütze erschütterte Stadt und Schlösser, die Janitscharen kamen bis an das Quartier des Herrn Podtschaski heran und gaben unter ungeheurem Lärm alle gleichzeitig eine Salve ab. Aber da auch Herr Podtschaski von oben her mit wohlgezielten Schüssen antwortete, und zu befürchten stand, daß die Reiterei die Janitscharen seitwärts umgehen könne, so rückten diese ohne Zögern auf dem Wege von Swaniez ab und kehrten zum Hauptheer zurück.
Am Abend schlich sich ein Böhme in die Stadt, der bei dem Janitschar-Aga Pajuk diente und nach einer Geißelung entflohen war. Man erfuhr von ihm, daß der Feind sich bereits in Swaniez befestigt hatte und die weiten Felder vom Dorfe Dluschek ab in Besitz habe. Der Überläufer wurde eingehend über die Ansicht, die unter den Türken in bezug auf die Einnehmbarkeit von Kamieniez herrsche, ausgefragt. Er antwortete, daß im Heere ein guter Geist walte, und daß die Prophezeiungen günstig gewesen seien. Vor wenigen Tagen habe sich vor dem Zelte des Sultans plötzlich eine Rauchsäule vom Erdboden erhoben, unten dünn, oben immer breiter werdend, wie ein riesenhafter Blumenstrauß. Die Muftis deuteten die Erscheinung so, daß der Ruhm des Padischahs die Höhen des Himmels erreichen werde, und daß gerade er der Herrscher sei, der die bisher uneinnehmbare Feste von Kamieniez fällen werde. Dieses günstige Vorzeichen habe den Mut des Heeres sehr gehoben. Die Türken — fuhr der Überläufer fort — fürchten den Hetman Sobieski und seine Entsatzung; von alters her sei ihnen die Gefahr eines Kampfes auf offenem Felde mit den Herren der Republik in Erinnerung, und sie seien geneigter, mit den Venezianern, mit den Ungarn oder mit einem anderen Volke zusammenzutreffen. Da sie aber Kunde davon hätten, daß die Republik keine Heere besaß, so herrsche allgemein die Ansicht, daß Kamieniez, wenn auch nicht ohne Mühen, fallen werde. Der Kaimakam Kara-Mustapha habe geraten, die Mauern unverzüglich zu stürmen, aber der besonnenere Vezier ziehe es jetzt vor, mit regulären Arbeiten die Stadt zu umgeben und mit Geschossen zu überschütten. Der Sultan sei nach den ersten Scharmützeln der Ansicht des Veziers beigetreten, und darum sei eine ordnungsmäßige Belagerung zu erwarten.
Herrn Potozki schmerzte diese Mitteilung sehr; auch der Bischof, der Kämmerer von Podolien, Michael und die anderen Offiziere waren betrübt darüber. Sie hatten auf Stürmen gerechnet, und bei der Wehrhaftigkeit des Ortes gehofft, den Feind mit großem Verlust zurückzuwerfen. Sie wußten recht wohl, daß beim Stürmen der Belagerer empfindliche Verluste erleidet, daß jeder zurückgeworfene Angriff seinen Mut erschüttert, und die Zuversicht der Belagerten kräftigt. Ähnlich wie die von Sbarasch würden sich die Ritter an Widerstand, an Schlachten, an Ausfälle gewöhnt haben, und auch die Bürger von Kamieniez konnten Liebe zum Kampfe gewinnen, besonders, wenn jeder Angriff mit einer Niederlage der Türken, und mit einem Siege der Männer von Kamieniez geendet hätte. Eine reguläre Belagerung indessen, bei welcher die Herstellung von Gräben und Minen und die Aufstellung der Geschütze alles bedeutet, konnte die Belagerten nur ermüden, ihren Mut sinken lassen und sie zu Verhandlungen geneigter machen. Auf Ausfälle durfte man nicht rechnen, denn man konnte unmöglich die Mauern von Soldaten entblößen. Der Troß aber und die losen Truppen konnten außerhalb der Mauern den Janitscharen keinesfalls standhalten.
Bei diesen Erwägungen fühlten die älteren Offiziere bitteren Gram, und der Erfolg der Verteidigung schien ihnen zweifelhaft. Er war in der Tat auch wenig wahrscheinlich, nicht nur im Hinblick auf die Übermacht der türkischen Streitkräfte, sondern auch in bezug auf sie selber. Herr Michael war ein unvergleichlicher und ruhmbedeckter Krieger, aber ihm fehlte die Majestät der Größe; wer die Sonne in sich trägt, vermag alle zu erwärmen, wer aber eine Flamme bedeutet, und sei sie auch die glühendste, der erwärmt nur die allernächsten. Und so war es mit dem kleinen Ritter; er verstand und vermochte es nicht, Fernstehenden seinen hohen Mut einzuflößen, ebensowenig wie seine Gewandtheit im Einzelkampf. Herr Potozki, der oberste Führer, war kein Krieger; überdies fehlte ihm der Glaube an sich selbst, an andere und an die Republik. Der Bischof baute hauptsächlich auf die Verhandlungen; sein Bruder hatte eine schwere Hand und einen schwerfälligen Geist. Auf Entsatz konnte nicht gerechnet werden, denn der Hetman Sobieski, so bedeutend er war, war zurzeit ebenso machtlos wie der König und die ganze Republik.
Am 16. August kam der Khan mit der Horde, und Doroschenko mit seinen Kosaken heran; sie betrachteten die ungeheure Fläche der Felder von Oryni. Sufankas-Aga berief am selben Tage Herrn Myslischewski zu einer Unterredung und riet, die Stadt zu ergeben. Geschähe dies unverzüglich, so könne er so günstige Bedingungen erwirken, wie sie in der Geschichte der Belagerungen unerhört seien. Der Bischof hätte diese Bedingungen gern erfahren, aber man schrie ihn im Rate an und sandte eine abschlägige Antwort. Am 18. August begannen die Türken heranzuziehen, mit ihnen der Kaiser selbst.
Sie wogten heran, das polachische Fußvolk, Janitscharen und Spahis, wie das unermeßliche Meer. Jeder Pascha führte das Heer seines Paschaliks, und so drängten sie heran, die Bewohner Europas, Asiens und Afrikas. Ihnen folgte eine riesige Wagenburg mit Lastwagen, die von Mauleseln und Büffeln gezogen wurden. Wie ein tausendfarbiger Ameisenschwarm, in den mannigfaltigsten Rüstungen und Trachten, zog es endlos daher. Von der Morgendämmerung bis zum Abend rückten ohne Unterbrechung Heere heran, zogen von einem Ort zum anderen, schlugen bald hier, bald dort Zelte auf, und bedeckten eine so ungeheure Fläche, daß man von den Türmen und höchsten Orten in Kamieniez keine von Zeltdächern freie Stelle erspähen konnte. Die Leute meinten, es sei Schnee gefallen und habe die ganze Gegend bedeckt. Die Aufstellung der Wagenburg erfolgte unter dem Knalle der Büchsen, denn die Abteilung Janitscharen, welche den Arbeiten zur Deckung diente, hörte nicht auf gegen die Mauern zu feuern. Von den Mauern her ward ihnen Antwort durch ein ununterbrochenes Geschützfeuer; das Echo hallte die Felsen entlang, Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf und verdeckten das blaue Firmament. Bis zum Abend war Kamieniez so eingeschlossen, daß höchstens die Tauben heraus konnten; das Feuer verstummte erst, als die ersten Sterne am Himmel erglänzten.
Die folgenden Tage hindurch dauerte das Feuer von und nach den Mauern beständig mit großem Verlust für die Belagerer fort; sobald sich ein größerer Haufe von Janitscharen in Schußweite angesammelt hatte, erhob sich ein weißer Dampf auf den Mauern, die Kugeln fielen zwischen die Janitscharen, und diese stoben auseinander wie eine Schar Sperlinge, wenn jemand eine Handvoll Schrot unter sie schießt. Die Türken hatten, da sie offenbar nicht wußten, daß in beiden Schlössern und in der Stadt selbst weittragende Kanonen standen, ihre Zelte zu nahe aufgeschlagen; auf den Rat des kleinen Ritters hatte man sie gewähren lassen, und erst, als mit dem Herannahen der Rastzeit die Soldaten schutzsuchend vor der Sonne sich in das Innere der Zelte zurückzogen, erdröhnten die Mauern in ununterbrochenem Donner. Ein Schrecken entstand; die Kugeln zerrissen die Stäbe, verwundeten die Soldaten, warfen scharfe Felsstücke umher; die Janitscharen zogen sich in Verwirrung und Unordnung, unter großem Lärm weiter zurück, warfen auf der Flucht die entfernteren Zelte um und weckten überall Furcht und Sorge. Gegen die so in Verwirrung Gebrachten wagte Michael einen Ausfall mit der Reiterei und hieb unter sie, bis ihnen Hilfe von ihrer Reiterei ward. Ketling war es hauptsächlich, der das Geschützfeuer leitete; neben ihm hatte der lechische Schulze Cyprian die größten Verwüstungen unter den Heiden angerichtet. Er selbst neigte sich über jede Kanone, er selbst legte die Lunte an; dann hielt er die Hand über die Augen, sah nach dem Erfolg seines Schusses und freute sich im Herzen, daß er so glücklich wirke.