Die Türken legten Gräben an, errichteten Schanzen und besetzten sie mit schweren Kanonen. Ehe sie aber zu schießen begannen, kam ein Abgesandter der Türken an die Wälle herangeritten, steckte ein kaiserliches Schreiben an die Rohrlanze und zeigte es den Belagerten; die abgesandten Dragoner ergriffen sofort den Boten und brachten ihn auf das Schloß. Der Kaiser forderte die Stadt zur Übergabe auf, indem er seine Macht und seine Gnade in den Himmel erhob. — Mein Heer — schrieb er — kann mit dem Laub an den Bäumen, mit dem Sande am Ufer des Meeres verglichen werden; schauet in den Himmel, und wenn Ihr die unzählbaren Sterne seht, so erwecket Furcht in Euren Herzen und saget einer zum anderen: Also ist die Macht der Gläubigen! Aber da ich über alle Könige ein gnädiger König und ein Enkel des lebendigen Gottes bin, darum beginne ich meine Handlungen mit Gott. Wisset denn, daß ich den Trotzigen hasse; widerstrebt also meinem Willen nicht und übergebet die Stadt. Wollt Ihr aber Trotz bieten, so kommt Ihr alle unter das Schwert, und gegen mich wird keine menschliche Stimme sich zu erheben wagen. —
Man pflog lange Rates, welche Antwort auf dieses Schreiben zu geben war — und man verwarf den unhöflichen Rat Saglobas, einem Hunde den Schwanz abzuhacken und ihn als Antwort hinzusenden. Man schickte endlich einen gewandten Mann, Inriza, der gut türkisch sprach, mit einem Brief, der lautete wie folgt:
— Wir wollen den Kaiser nicht kränken, aber auch ihm zu gehorchen ist nicht unsere Pflicht, denn wir haben nicht ihm, sondern unserem Herrn geschworen. Kamieniez geben wir nicht, denn uns bindet ein Eid, die Festung und die Kirchen bis zum Tode zu verteidigen. —
Nachdem die Antwort gegeben war, zerstreuten sich die Offiziere auf die Mauern; das benutzte der Bischof von Landskron und der General von Podolien, und sie sandten einen neuen Brief an den Sultan, in welchem sie um einen Waffenstillstand auf vier Wochen baten. Als die Nachricht von diesem Briefe bekannt wurde, begann ein Lärm und ein Säbelrasseln. »Ei, das wäre!« sagte der eine und der andere, »wir sollen uns hier bei den Kanonen schinden, und jene schicken hinter unserem Rücken Briefe ab, ganz ohne unser Wissen, obwohl wir zum Rate gehören?« — Und nach der Abendparole gingen die Offiziere vereint zum General, geführt von dem kleinen Ritter und Herrn Makowiezki, die beide durch das Geschehene schwer gekränkt waren.
»Wie,« rief der Truchseß, »denkt Ihr schon an Ergebung, daß Ihr einen neuen Boten hingesandt habt? Warum ist dies ohne unser Wissen geschehen?«
»Fürwahr,« fügte der kleine Ritter hinzu, »wenn wir zum Rate berufen waren, ziemt es sich nicht, ohne unser Wissen Briefe abzuschicken; von Ergebung gestatten wir nicht zu reden, wer aber Ergebung wünscht, der trete ab von seinem Amte.« Drohend bewegten sich seine Lippen, denn er war ein Krieger von strengster Disziplin, und es schmerzte ihn tief, gegen die Vorgesetzten zu sprechen. Doch er hatte geschworen, das Schloß bis in den Tod zu verteidigen und glaubte so sprechen zu müssen.
Der General von Podolien antwortete verwirrt:
»Ich war der Meinung, es geschähe dies mit allgemeiner Zustimmung.«
»Keine Zustimmung, hier wollen wir untergehen!« riefen viele Stimmen.
»Das höre ich gern, denn auch mir ist der Glaube teurer als das Leben, und Feigheit ist mir fremd. Bleibet hier zum Abendbrot, Herren, so werden wir schneller zur Einigkeit kommen.« Aber sie wollten nicht bleiben. »An den Toren ist unser Platz, nicht am Tische,« versetzte der kleine Ritter.