»Michael,« sagte er, »so sage doch aufrichtig: muß es nicht so enden? Eine Zeitlang werden wir uns halten, eine Woche, zwei, einen Monat, zwei Monate, — aber das Ende wird stets dasselbe sein.«

Michael blickte ihn finster an; dann erhob er die Hände und rief aus:

»Brutus, auch du gegen mich? Ha, so werdet Ihr allein Eure Schmach tragen, für mich ist diese Bürde nicht.« Und sie schieden mit Groll im Herzen.

Die Mine unter dem Haupttor des alten Schlosses explodierte kurz nach Herrn Michaels Ankunft. Ziegelsteine flogen durch die Bresche, wie eine Schafherde durch die offene Tür in die Hürde flutet, wenn der Hirt und die Futterknaben ihnen mit Peitschen folgen. Ketling aber pfiff unter die Menge mit Kartätschen aus sechs Geschützen, die er vorher auf dem Walle in Bereitschaft gestellt hatte; er pfiff ein über das andere Mal und fegte den Hof rein. Michael, Humiezki, Myslischewski waren mit dem Fußvolk und den Dragonern herangeeilt und sie besetzten den Wall so dicht, wie Fliegen an heißen Sommertagen das Aas eines Rindes oder Pferdes besetzen. Es begann ein Kampf aus Musketen und Büchsen, die Kugeln fielen so dicht auf den Wall, wie Regen oder Getreidekörner, die der rüstige Bauer mit der Schaufel in die Höhe wirft. Die Türken wimmelten zwischen den Trümmern des neuen Schlosses; in jeder Vertiefung, hinter jedem Bruch, hinter jedem Stein, hinter jeder Trümmergrube saßen sie zu zweien, zu dreien, zu fünfen, zu zehnen und feuerten ohne Unterlaß. Von Chozim her strömten ihnen immer neue Hilfskräfte zu, Regiment auf Regiment kam heran, stürmte auf die Trümmer los und eröffnete sofort das Feuer. Das ganze neue Schloß war wie mit Turbanen gepflastert. Manchmal erhoben sich diese Massen von Turbanen plötzlich mit entsetzlichem Geschrei und stürmten gegen die Breschen; aber da ergriff Ketling das Wort, — der dröhnende Baß der Kanonen überdröhnte das Krachen der Feuergewehre, und Heere von Kartätschen flogen pfeifend und surrend durch die Luft unter die Menge, streckten sie zu Boden und füllten die Bresche mit Haufen von zuckenden Menschenkörpern. Viermal stürmten die Janitscharen vorwärts, viermal warf Ketling sie zurück und streute sie in alle Winde, wie der Sturm das Laub zerstreut. Er selbst stand mitten im Feuer, im Rauch, umherflatternden Erdschollen und platzenden Granaten da, dem Engel des Krieges vergleichbar. Seine Augen waren auf die Bresche geheftet, und auf seiner lichten Stirn sah man nicht die geringste Besorgnis. Bald entriß er einem Kanonier die Lunte und hielt sie an die Kanone, dann die Hand über die Augen, um nach dem Erfolg des Schusses zu spähen, und von Zeit zu Zeit wandte er sich lächelnd zu den polnischen Offizieren und sagte:

»Sie kommen nicht herein.«

Nie war die Wut eines Angriffes an einer solchen Furie der Verteidigung zerschellt. Offiziere und Soldaten wetteiferten; die Aufmerksamkeit dieser Menschen schien auf alles gerichtet, nur nicht auf den Tod. Der Tod aber streckte Mann auf Mann danieder, Humiezki Mokoschyzki, der Kommandant der Kijaner, fiel. Endlich griff auch der blonde Kaluschewski stöhnend an seine Brust, Michaels alter Freund, ein Soldat, mild wie ein Lämmchen und furchtbar wie ein Löwe. Michael fing den Fallenden auf, er aber sagte: »Gib mir die Hand, schnell, gib mir die Hand«; dann fügte er hinzu: »Gott sei Dank!« und sein Gesicht wurde so weiß wie sein Bart. Es war vor dem vierten Angriff. Eine Bande der Janitscharen war gerade durch die Bresche gelangt oder vielmehr, sie konnte wegen des dichten Kugelregens nicht wieder heraus. Michael sprang ihnen an der Spitze des Fußvolkes entgegen und schlug sie im Augenblick mit Kolben und Messer.

Stunde um Stunde verrann, das Feuer ließ nicht nach. Inzwischen gelangte in die Stadt das Gerücht von der heldenhaften Verteidigung und erregte Begeisterung und Kampfesmut. Die lechische Bürgerschaft, besonders die jugendliche, lief in der Stadt zusammen und feuerte einander an. Eilen wir denen im Schloß zu Hilfe! Kommt hin, lassen wir die Brüder nicht, vorwärts Burschen! — so tönte es über den Markt, an den Toren, und bald rückten einige hundert Leute, schlecht ausgerüstet, aber mit Mut im Herzen, nach der Brücke. Sofort richteten die Türken auf sie ein furchtbares Feuer, so daß sie mit Leichen wie übersät war, aber ein Teil drang hinüber und begann vom Wall aus mit frischem Mute den Kampf gegen die Türken.

Endlich wurde auch der vierte Angriff mit so schwerem Verlust für die Türken zurückgeschlagen, daß ein Augenblick der Erschöpfung einzutreten schien. Vergebliche Hoffnung! Das Geknatter der Janitscharenbüchsen hörte nicht auf; erst am späten Abend verstummten die Kanonen, und die Türken verließen die Trümmer des neuen Schlosses. Die übriggebliebenen Offiziere kamen nach der anderen Seite vom Schlosse herab; der kleine Ritter befahl ohne einen Augenblick Zeitverlust die Bresche zu verbauen; was nur irgend vorhanden war, sollte vorgeschüttet werden, Holz, Kloben, Faschinen, Schutt, Erde. Das Fußvolk, die Genossen, die Dragoner, die Linie, die Offiziere — alles arbeitete um die Wette ohne Unterschied des Ranges. Man erwartete, daß die türkischen Kanonen jeden Augenblick wieder aufblitzen würden; aber schließlich war dieser Tag ein Tag großen Sieges der Belagerten über die Belagerer, und darum strahlten alle Gesichter, glühten alle Herzen von Hoffnung und Lust nach ferneren Siegen.

Nach Beendigung der Arbeit gingen Ketling und Michael Arm in Arm um den Maidan und um die Mauern, sie lugten über die Zinnen, um nach dem Hofe des neuen Schlosses zu spähen, und freuten sich über die reichliche Ernte.