»Auch auf den anderen beginnt's zu dampfen,« antwortete Michael.
Es war wirklich so. Wie, wenn ein Hund durch die nächtliche Stille anschlägt, sogleich die anderen mitkläffen und schließlich das ganze Dorf vom Bellen widerhallt, so weckte die eine Kanone auf den türkischen Schanzen alle benachbarten, und die belagerte Stadt umgab ein Kranz von Granatschüssen. Dieses Mal beschoß man hauptsächlich die Stadt, nicht das Schloß. Dafür aber hörte man von drei Seiten das Graben von Minen; obwohl der mächtige Fels den Arbeiten der Mineure fast unüberwindlichen Widerstand entgegensetzte, hatten die Türken offenbar beschlossen, dieses Felsennest durchaus in die Luft zu sprengen.
Auf Ketlings und Michaels Befehl begann man wieder Granaten zu werfen, und zwar dorthin, woher der Widerhall der Spitzhacken drang. Aber im Dunkel der Nacht ließ sich schwer erkennen, ob diese Art der Verteidigung den Belagerten irgend einen Verlust bringe. Zudem hatten alle ihre Augen und ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt gerichtet, die von einer ganzen Schar flammender Vögel umflattert wurde. Manche Geschosse platzten in der Luft, andere umschrieben einen feurigen Bogen am Firmament und fielen mitten in die Häuserreihen der Stadt. Plötzlich zerriß ein blutiger Feuerschein an mehreren Stellen das nächtliche Dunkel. Die Katharinenkirche stand in Flammen, die griechische Georgskirche in dem reußischen Stadtteil, und gleich darauf ging auch die armenische Kathedrale in Feuer auf, die übrigens schon am Tage gebrannt hatte und jetzt, unter dem Granatenregen, sich von neuem entzündete. Der Brand wuchs mit jedem Augenblick und erhellte die ganze Gegend. Das Geschrei aus der Stadt drang bis an das alte Schloß, man konnte glauben, die ganze Stadt stehe in Flammen.
»Schlimm,« sagte Ketling, »die Bürger werden den Mut sinken lassen.«
»Und wenn alles in Flammen aufgeht,« antwortete der kleine Ritter, »wenn nur der Fels nicht birst, von dem wir uns verteidigen können.«
Das Geschrei schwoll immer mächtiger; von der Kathedrale sprang das Feuer auf die armenischen Warenlager über, die auf dem armenischen Markte standen; große Reichtümer in Gold-, Silberteppichen, Fellen und kostbaren Stoffen gingen in Flammen auf. Nach kurzer Zeit züngelten die Flammen über den Häusern.
Michael erschrak aufs äußerste.
»Ketling,« sagte er, »beobachte das Granatenwerfen und störe soviel du kannst die Mienenarbeiten; ich will in die Stadt sprengen, denn mir gerinnt das Blut, wenn ich an die Dominikanerinnen denke. Gott sei gedankt, daß sie das Schloß in Ruhe lassen, und daß ich mich entfernen kann ...«
Im Schloß war in diesem Augenblick wirklich nicht viel zu tun, und so bestieg der kleine Ritter sein Pferd und sprengte davon. Erst nach zwei Stunden kehrte er wieder. Muschalski begleitete ihn; er war von der Verletzung, die ihm Hamdis Faust beigebracht hatte, schon genesen und kam jetzt aufs Schloß, weil er glaubte, bei dem Stürmen den Heiden mit seinem Bogen Verluste bereiten zu können.
»Ich grüße Euch,« sagte Ketling, »ich war schon beunruhigt. Was gibt's dort bei den Dominikanerinnen?«