»Geh', aber warte, bis das Heer aus dem Schlosse ist. Geh'!« Sie schlossen sich in die Arme und hielten sich lange Zeit umschlungen. Die Augen leuchteten beiden in außerordentlichem Glanze ... endlich sprang Ketling hinunter.

Michael nahm den Helm vom Haupte; noch einen Augenblick schaute er auf diese Ruinen, auf dieses Feld seines Ruhmes, auf die Trümmer, die Leichen, auf die Mauersplitter, auf den Wall und die Kanonen, dann richtete er die Augen gen Himmel und begann zu beten ... Seine letzten Worte waren:

»Gib ihr, Gott, die Kraft, geduldig zu tragen, gib ihr Frieden! ...«

Ach! ... Ketling hatte sich beeilt; er hatte kaum den Abzug der Regimenter abgewartet, denn in diesem Augenblick schwankten die Bastionen, ein furchtbarer Donner erschütterte die Luft, Zinnen, Türme, Mauern, Pferde, Kanonen, Lebende und Tote, Erdmassen — alles ward von einer Flamme erfaßt, untereinander geworfen und wie eine furchtbare Ladung in die Luft gesprengt.

So fiel Michael Wolodyjowski, der Hektor von Kamieniez, der erste Krieger der Republik.

In der Stiftskirche zu Stanislawow stand ein hoher Katafalk. Hunderte Kerzen beleuchteten ihn, und in einem bleiernen Sarg, der von einem hölzernen umgeben war, lag Michael Wolodyjowski. Die Deckel waren schon geschlossen, und die Bestattungsfeierlichkeit begann. Es war ein Herzenswunsch der Witwe, daß sein Leib in Chreptiow ruhte, aber da ganz Podolien in den Händen des Feindes war, sollte er vorläufig in Stanislawow bestattet werden, denn hierher waren unter türkischer Begleitung die Kriegsgefangenen von Kamieniez geschickt und in die Hände der Hetmansheere ausgeliefert worden.

Alle Glocken des Stifts ertönten, die Kirche war von Adel und Kriegern angefüllt, alle wollten auf den Sarg des Hektors von Kamieniez und des besten Ritters der Republik noch einen letzten Blick werfen. Man flüsterte einander zu, der Hetman selbst werde zum Begräbnis kommen, da man ihn aber bisher nicht sah, und da jeden Augenblick die Tataren hereinbrechen konnten, hatte man beschlossen, die Feierlichkeit nicht hinzuhalten.

Alte Krieger, die Freunde oder Untergebenen des Verstorbenen, bildeten einen Kreis um den Katafalk; unter ihnen sah man Muschalski, den Bogenschützen, Motowidlo, Snitko, Hromyka, Nienaschyniez, Nowowiejski und viele andere alte Offiziere aus der Grenzwarte. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß fast keiner von denen fehlte, die einst an den Abenden in Chreptiow um den Herd herumsaßen: alle hatten ihre Häupter heil aus diesem Kriege heimgebracht, nur er, der ihr Führer und Vorbild gewesen war, der gute und gerechte Ritter, der Schrecken der Feinde, die Freude der Seinigen, nur jener Kämpfer über alle Kämpfer, der Held mit dem Taubenherzen, er lag hier auf hohem Katafalk, lichtumflossen, in unermeßlichem Ruhme, aber im Schweigen des Todes. Die im Kriege verhärteten Herzen zerflossen in Schmerz bei diesem Anblick, gelber Schimmer der Kerzen beleuchtete die furchtbar verhärmten Gesichter der Krieger und spiegelte sich in blitzenden Funken in den Tränen, die ihren Augen entströmten. Mitten im Kreise dieser Krieger lag auf dem Fußboden Bärbchen, neben ihr, alt, schwächlich, gebrochen, zitternd — Sagloba. Sie war zu Fuß von Kamieniez hergekommen, dem Wagen folgend, der den teuren Toten trug, und nun war der Augenblick gekommen, da man den Sarg der Erde übergeben sollte. Den ganzen Weg war sie wie abwesend, als gehöre sie nicht zu dieser Welt, einhergegangen und hatte jetzt bei diesem Katafalk bewußtlos die Worte hergesagt: »Es tut nichts — es tut nichts,« denn so hatte er, der Geliebte, befohlen, dies waren die letzten Worte, die er ihr melden ließ. Aber diese Worte, die sie beständig wiederholte, waren nur Töne ohne Inhalt, ohne Wahrheit, ohne Bedeutung, ohne Hoffnung. »Es tut nichts,« sagte sie, aber es tat weh. Was sie empfand, war Schmerz, Finsternis, Verzweiflung, Starrheit, unsagbares Elend, ein Leben, das getötet und gebrochen war, ein unklares Bewußtsein, daß es für sie kein Erbarmen, keine Hoffnung mehr gäbe, nichts als Leere, ewige Leere, die nur Gott ausfüllen konnte, wenn er ihr den Tod sandte.