»Der Wojewode von Belz ist in den Verschanzungen!« rief der Bote aus keuchender Brust.
Da kam ein zweiter: »Die litauischen Hetmane sind in den Verschanzungen!«
Dann kamen andere, immer mit derselben Nachricht. Schon bedeckte Dämmerung die Erde, aber von dem Antlitz des Hetmans leuchtete es hell auf. Er wandte sich an Herrn Bidsinski, der in diesem Augenblick an seiner Seite war, und sagte: »Jetzt kommt die Reiterei an die Reihe, aber das geschieht erst morgen.«
Niemand jedoch im polnischen und im türkischen Lager wußte oder vermutete, daß der Hetman den allgemeinen Sturm aller Kräfte auf den anderen Morgen zu verlegen gedenke, vielmehr sprengten die Ordonnanzoffiziere zu den Hauptleuten mit der Weisung, jeden Augenblick bereit zu sein. Das Fußvolk stand in geordneten Reihen da, den Reitern brannten Säbel und Speere in den Händen, alle erwarteten den Befehl mit Ungeduld, denn die Leute waren ausgehungert und erfroren; aber die Stunden vergingen, und der Befehl kam nicht. Eine dunkle, schwarze Nacht brach herein; schon am Tage war das Wetter schlecht gewesen, und um Mitternacht zog ein Sturm heran mit eisigem Regen und Schnee. Seine Schläge machten das Mark in den Beinen gefrieren, die Pferde konnten kaum feststehen, die Menschen erstarrten vor Kälte. Der größte Frost, wenn er trocken ist, kann nicht so peinigen, wie dieser Sturm mit Schnee und Regen, der den menschlichen Körper wie eine Geißel trifft. In der beständigen Erwartung des Losungswortes konnte man an Essen und Trinken oder an das Anzünden der Wachtfeuer nicht denken. Mit jeder Stunde wurde es entsetzlicher. Es war eine denkwürdige Nacht, eine Nacht der Qual und des Zähneklapperns. Die Rufe der Hauptleute: Halt! — Halt! ließen sich jeden Augenblick hören, und die zuchtgewohnten Scharen standen in vollster Bereitschaft ohne Bewegung geduldig da.
Gegenüber, in Regen, Sturm und nächtlichem Dunkel, standen in gleicher Bereitschaft die Regimenter der Türken. Niemand von ihnen unterhielt ein Feuer, niemand aß, niemand trank; der Angriff der gesamten polnischen Streitkraft wurde jeden Augenblick erwartet, und so konnten die Spahis den Säbel nicht aus der Hand legen, und die Janitscharen standen wie eine Mauer mit ihren Büchsen da, jeden Augenblick zum Schusse bereit. Der ausdauernde polnische Soldat, an die Härte des Winters gewöhnt, konnte eine solche Nacht überstehen, aber diese Mannschaften, aufgezogen in dem milden Klima Rumeliens oder unter den Palmen Kleinasiens litten mehr, als ihre Kräfte vertragen konnten. Hussein wurde es endlich klar, weshalb Sobieski den Sturm nicht beginne. Dieser eisige Regen war der beste Bundesgenosse der Lechen. Es war für jedermann offenkundig: wenn die Spahis und Janitscharen zwölf Stunden so dastehen sollten, würden sie morgen wie die Garben hinsinken, ohne den Versuch einer Gegenwehr, bis zu dem Zeitpunkt wenigstens, da sie die Glut der Schlacht erwärmt haben würde.
Den Polen wie den Türken ward dies klar. Um die vierte Stunde der Nacht kamen zwei Paschas zu Hussein: Janisch-Pascha und Kiaja, Führer der Janitscharen, ein alter, erfahrener, ausgezeichneter Krieger. Beider Antlitz war voll Trauer und Sorge.
»Herr,« sprach Kiaja zuerst, »wenn meine Schäfchen bis morgen so dastehen, dann bedarf es keiner Kugeln und Schwerter mehr für sie.«
»Herr,« sagte Janisch-Pascha, »die Spahis erfrieren mir und werden sich morgen nicht schlagen können.«
Hussein fuhr sich in den Bart; er sah die Niederlage und den eigenen Untergang voraus. Aber was sollte er tun? Wenn er auch nur auf eine Minute gestattet hätte, die Schlachtordnung zu lockern und Feuer anzuzünden, damit die Leute sich mit warmer Speise erquickten, so würde der Angriff unverzüglich erfolgen. Auch so ertönten schon von Zeit zu Zeit von den Wällen her die Trompeten, als wolle die Reiterei vorrücken.
Kiaja und Janisch-Pascha sahen nur einen Ausweg: den Sturm nicht abzuwarten, sondern selbst sofort mit der ganzen Macht den Feind anzugreifen. Es bedeute wenig, daß er kampfbereit dastehe, denn da er selbst anzugreifen beabsichtige, erwarte er keinen Angriff. Es gelinge vielleicht, ihn aus den Verschanzungen herauszudrängen, und im äußersten Falle sei bei einer nächtlichen Schlacht eine Niederlage wahrscheinlich, am anderen Tage aber gewiß. Hussein aber wagte nicht, dem Rate der alten Krieger zu folgen.