»Wie,« sagte er, »ihr habt den Maidan mit Gräben durchzogen, weil ihr darin die einzige Rettung vor dieser höllischen Reiterei gesehen habt, sollen wir jetzt selbst die Gräben überschreiten, um uns ins offenbare Verderben zu stürzen. Euer Rat war es, eure Warnung, jetzt sprecht ihr anders.«
Er gab nur den Befehl, Kanonenfeuer gegen den Wall zu richten, worauf Kontski in demselben Augenblick mit großem Erfolge antwortete. Der Regen wurde immer eisiger und peitschte immer furchtbarer, der Wind tobte, heulte, drang bis auf die Haut und verwandelte das Blut in den Adern zu Eis. So ging diese lange Novembernacht hin, die Kräfte der Verteidiger des Islam wurden gebrochen, und Verzweiflung, gepaart mit dem Vorgefühl der Niederlage, ergriff ihre Herzen.
Im Augenblicke der Dämmerung begab sich Janisch-Pascha noch einmal zu Hussein mit dem Rate, sich in Schlachtordnung bis zur Dniestrbrücke zurückzuziehen und dort vorsichtig ein Geplänkel zu eröffnen. »Denn wenn das Heer — sagte er — der Wucht der Reiterei nicht standhält, so werden sie sich jenseits der Brücke flüchten, und der Fluß wird ihnen Schutz geben!« Kiaja, der Führer der Janitscharen, war indessen anderer Ansicht, er meinte, für des Janisch Rat wäre es schon zu spät. Er fürchtete auch, daß, wenn der Befehl des Rückzuges verkündet würde, sogleich das ganze Heer ein Schrecken ergreifen müsse. »Die Spahis werden mit Hilfe der Dschamaken den ersten Anprall der Reiterei der Ungläubigen aushalten, und wenn sie alle zugrunde gehen sollten. Inzwischen werden ihnen die Janitscharen zu Hilfe kommen, und Gott ihnen vielleicht den Sieg senden.«
So riet Kiaja, und Hussein folgte seinem Rat. Die berittenen Haufen der türkischen Linie ritten vor, die Janitscharen und die Dschamaken stellten sich hinter ihnen, rings um die Zelte Husseins auf. Ihre großen Scharen boten einen prächtigen und drohenden Anblick dar. Der weißbärtige Kiaja, »der Löwe Gottes«, der bis zum heutigen Tage seine Krieger nur zu Siegen geführt hatte, flog auf seinem Rosse die Reihen entlang, sprach ihnen Mut zu und richtete ihre Herzen auf, indem er der alten Kämpfe und Siege erwähnte. Ihnen war auch die Schlacht lieber, als das tatenlose Stehen im Unwetter, im Regen, im Abwarten und in diesem Mark und Bein durchdringenden Sturm, und obwohl ihre erstarrten Hände kaum die Büchsen und Lanzen halten konnten, freuten sie sich doch darauf, sich in der Schlacht zu erwärmen. Mit minder großem Mute erwarteten die Spahis den Angriff, erstens, weil sie die erste Wucht aushalten sollten, und zweitens, weil unter ihnen viele Bewohner Kleinasiens und Ägyptens dienten, die gegen Kälte sehr empfindlich sind und in der stürmischen Nacht halb tot gefroren waren. Auch die Pferde hatten sehr gelitten, und obgleich sie im stattlichen Schmucke dastanden, hielten sie doch die Nüstern gegen den Boden und hauchten förmliche Dampfsäulen aus. Die Mannschaft mit den blaugefrorenen Gesichtern und dem erloschenen Blick glaubte kaum noch an Sieg. Sie dachten nur daran, daß der Tod besser sei als eine Qual, wie die in der letzten Nacht, und das beste die Flucht zu den alten Nestern unter den Strahlen der südlich glühenden Sonne.
Im polnischen Heere waren einige Leute, die mangelhaft bekleidet waren, gegen Morgen auf den Wällen erfroren. Im allgemeinen aber ertrug das Fußvolk und die Reiterei die Kälte bei weitem besser als die Türken, denn sie hielt die Hoffnung auf Sieg aufrecht, und der nahezu blinde Glaube, daß, wenn der Hetman beschlossen habe, im Sturmwetter auszuhalten, diese Qual unzweifelhaft zu ihrem Glück und den Türken zum Unheil und zum Verderben gereichen müsse. Trotzdem begrüßten auch sie die ersten Morgenstrahlen mit Freude.
Um diese Zeit erschien Sobieski auf den Wällen; kein Morgenrot stand am Himmel, aber Morgenrot lag auf seinem Antlitz, denn als er merkte, daß der Feind ihm eine Schlacht im Lager liefern wolle, war er überzeugt, daß dieser Tag Mohammed eine furchtbare Niederlage bringen werde. Er ritt von Regiment zu Regiment und wiederholte: »Für die geschändeten Kirchen, für die Lästerung der heiligen Jungfrau in Kamieniez, für die Schmach, die der Christenheit und der Republik angetan ward, für Kamieniez!« Und die Soldaten schauten drohend drein, als wollten sie sagen: Wir halten es kaum noch aus auf unseren Plätzen; befiehl, großer Hetman, und du sollst sehen. — Der Schimmer und das fahle Licht des Morgens wurden immer heller, aus dem Nebel traten immer deutlicher die Reihen der Pferdeköpfe hervor, die Gestalten der Menschen, die Lanzen, die Fahnen, endlich die Regimenter des Fußvolks. Diese begannen auch zuerst den Anmarsch und strömten im Nebel dem Feind entgegen, wie zwei Flüsse zu beiden Seiten der Reiterei. Dann rückte die leichte Reiterei los, sie ließ nur in der Mitte einen breiten Streifen frei, durch welchen im geeigneten Augenblick die Husaren heransprengen sollten.
Jeder Regimentsführer von der Infanterie, jeder Rottenführer hatte schon seine Instruktion und wußte, was er zu tun habe. Kontskis Artillerie ließ sich immer kräftiger vernehmen und rief von der türkischen Seite ebenso kräftige Antworten hervor. Da ertönte ein Musketenschuß, ein ungeheurer Schrei scholl über das ganze Lager — der Angriff war eröffnet.
Eine neblige Luft hüllte den Horizont ein, aber das Echo der Schlacht drang bis dorthin, wo die Husaren standen. Man hörte Waffengeklirr und Schlachtgeschrei. Der Hetman, der bisher bei den Husaren geblieben war und mit dem Wojewoden von Reußen sprach, verstummte plötzlich und horchte auf; dann sagte er zu dem Wojewoden:
»Das Fußvolk kämpft mit den Dschamaken, die in den kleinen Schanzen zerstreut sind.«