Nach einer Weile wurde der Widerhall der Schüsse allmählich schwächer, als plötzlich unerwartet eine ungeheure Salve erdröhnte, gleich darauf eine zweite. Offenbar hatten die leichten Fahnen die Kette der Spahis durchbrochen und standen den Janitscharen gegenüber. Der Hetman gab seinem Pferde die Sporen und sprengte wie der Blitz an der Spitze seiner Leibwache in die Schlacht; der Wojewode von Reußen blieb allein mit fünfzehn Fahnen Husaren zurück, die in Schlachtordnung dastanden und nur auf das Zeichen warteten, welches ihnen befahl, heranzusprengen und das Los der Schlacht zu entscheiden.
Inzwischen brodelte und heulte es inmitten des Lagers immer fürchterlicher; die Schlacht schien sich bald nach rechts, bald nach links zu wenden, bald dorthin, wo die litauischen Krieger standen, bald nach der Seite des Wojewoden von Belz, ganz wie im Sturmwetter die Blitze am Himmel sich hierhin und dorthin wenden. Das Kanonenfeuer der Türken wurde immer unregelmäßiger, Kontskis Artillerie aber schoß mit verdoppelten Kräften. Nach Verlauf einer Stunde glaubte der Wojewode von Reußen zu erkennen, daß der Schwerpunkt der Schlacht wieder nach der Mitte zurückgekehrt sei, gerade seinen Husaren gegenüber.
In diesem Augenblick kam der Großhetman an der Spitze seiner Leute herangeeilt, Feuer sprühte aus seinen Augen, er hielt vor dem Wojewoden von Reußen und rief:
»Vorwärts, mit Gottes Hilfe!«
»Vorwärts!« schrie der Wojewode von Reußen.
Die Rottenführer wiederholten das Kommando; mit furchtbarem Getöse senkte sich wie mit einem Schlage ein Wald von Speeren zu den Köpfen der Pferde nieder; fünfzehn Fahnen dieser Reiterei, welche gewohnt waren, alles auf ihrem Wege niederzuwerfen, rückten wie eine einzige riesige Masse vorwärts.
Seit der Zeit, da in der dreitägigen Schlacht bei Warschau die litauische Reiterei unter Führung Polubienskis wie ein Keil die ganze schwedische Armee auseinandergetrieben hatte, war kein Reiterangriff mit solcher Wucht geführt worden. Im Trabe rückten die Fahnen von der Stelle; auf zweihundert Schritt aber kommandierten die Rottenführer: »Sturm!« und die Reiter brachen in ein mächtiges Geschrei aus: »Schlagt nieder, schlagt nieder!«, wiegten sich in ihren Satteldecken, und die Pferde flogen im Sturmlauf dahin. Diese lebendige Mauer feurig heranstürmender Rosse, eiserner Krieger und gesenkter Lanzen hatte etwas vom entfesselten Element an sich; sie wogte wie eine Sturmflut mit Krachen und Toben. Die Erde bebte unter ihrer Last, und es war klar, daß sie, wenn auch nicht einer von ihnen die Lanze einlegte oder den Säbel aus der Scheide zog, durch die bloße Wucht alles vor sich her niederwerfen, erdrücken und zertreten müsse, wie eine Windhose den Wald knickt und hinstreckt. So gelangten sie bis zu dem blutgetränkten, leichenbesäten Felde, auf welchem die Schlacht tobte. Die leichten Fahnen rangen auf beiden Flügeln mit der türkischen Reiterei, die sie schon tüchtig zurückgeworfen hatten, aber in der Mitte standen noch, einer unerschütterlichen Mauer gleich, die tiefen Reihen der Janitscharen. Zu wiederholten Malen hatten sich einzelne leichte Fahnen an ihnen gebrochen wie eine Woge, die von der hohen See herkommt, am felsigen Ufer. Sie zu erschüttern, sie niederzuwerfen, war jetzt die Aufgabe der Husaren.
Tausende von Janitscharenbüchsen knallten auf einmal »als habe sie ein Mensch gelöst«; noch einen Augenblick: die Janitscharen stellten sich immer fester auf die Füße; einige zwinkern mit den Augen bei dem Anblick der furchtbaren Lawine, anderen fliegen die Hände, welche die Lanzen halten, aller Herzen pochen wie Hämmer; sie beißen die Zähne zusammen und heben schweratmend die Brust. Schon sind sie da, schon hört man den scharfen Atem der Pferde — und es stürmt das Verderben, der Untergang, der Tod heran.
Allah! — Jesus Maria! Diese Rufe, so entsetzlich, als kämen sie nicht aus der Brust von Menschen, tönen wirr durcheinander. Die lebende Mauer wankt und neigt sich, das trockene Krachen brechender Lanzen übertönt auf einen Augenblick alles andere, dann folgt Knirschen von Eisen, ein Ton, wie von tausend Hämmern, die mit voller Kraft den Ambos treffen, Schläge, wie wenn tausend Dreschflegel an eine Wölbung schlagen, Rufe einzelner und Rufe von Scharen, Stöhnen, abgerissene Schüsse aus Büchsen und Pistolen; ein Heulen des Entsetzens. Angreifer und Angegriffene, wirr untereinander gemengt, ballen sich zu grauenerregenden Knäueln. Eine Metzelei folgt, aus dem Menschengewirre strömt warmes, dampfendes Blut und erfüllt die Luft mit rohem Geruche.