Die erste, zweite, dritte und die zehnte Reihe der Janitscharen liegt hingestreckt am Boden, von Hufen zertreten, von Lanzen durchstochen, vom Schwerte niedergehauen. Aber der weißbärtige Kiaja, der »Löwe Gottes«, wirft alle folgenden in das Gewirr der Schlacht. Was tut's, daß sie hinsinken, wie das Getreide vor dem Sturm — sie kämpfen. Die Wut erfaßt sie, sie atmen Tod, sie lechzen nach dem Tode. Die Mauer der Pferde drängt sie, neigt sie hin und her und stürzt sie; sie stechen den Pferden mit dem Messer nach dem Bauch. Tausend Schwerter fahren ohne Unterbrechung hernieder — und sie hauen, stechen den Reitern nach den Füßen, nach den Knieen, schlängeln sich heran und beißen wie ein giftiges Gewürm — sie fallen und rächen sich.
Kiaja, der »Löwe Gottes«, wirft immer neue Scharen in den Rachen des Todes, mit lautem Rufe ermutigt er zum Kampf und stürzt selber, den krummen Säbel in hoch erhobener Faust schwingend, ins Gewirr. Da stürmt ein hünenhafter Husar, alles vor sich her, einer Flamme gleich, vernichtend, gegen den weißbärtigen Greis an, hebt sich in den Steigbügeln, um desto wirksamer auszuholen und läßt mit einem furchtbaren Streiche die Schneide auf das ehrwürdige Haupt niedersausen. Weder der Säbel noch die Damascener-Rüstung vermochten den Streich aufzuhalten — Kiaja fällt, mittendurch gespalten, wie von einem Donnerkeil getroffen, zu Boden.
Nowowiejski — denn er war es — hatte schon vorher furchtbares Verderben verbreitet; niemand konnte seiner Kraft und seiner finsteren Wut widerstehen. Jetzt aber hatte er der Schlacht den größten Dienst geleistet, indem er den Greis fällte, der ganz allein den wütenden Kampf bisher aufrecht erhalten hatte. Die Janitscharen schrieen entsetzt auf, da sie den Feldherrn fallen sahen, und richteten, zehn zugleich, ihre Büchsen auf die Brust des jungen Ritters. Er aber wandte sich gegen sie, der düsteren Nacht ähnlich, Schüsse knallten; Nowowiejski riß sein Pferd zurück und neigte sich über die Satteldecke. Zwei Genossen fingen ihn in ihren Armen auf; ein Lächeln, ein ungewohnter Gast in seinen Zügen, erhellte sein düsteres Gesicht; die Augen drehten sich in ihren Höhlen, und der bleiche Mund flüsterte einige Worte, die man im Getümmel der Schlacht nicht hören konnte. Inzwischen waren die letzten Reihen der Janitscharen ins Wanken gekommen.
Der tapfere Janisch-Pascha wollte die Schlacht noch fortsetzen, aber schon hatte eine Raserei des Schreckens die Mannschaften erfaßt, schon waren alle Anstrengungen vergeblich. Die Reihen waren in Unordnung geraten und konnten, von allen Seiten gedrängt, gehauen, getreten, nicht mehr in Schlachtordnung gebracht werden. Endlich barsten sie, wie eine allzu straff gespannte Kette — und die Leute flogen wie sprühende Feuerbrände nach allen Seiten, heulten, schrieen, warfen die Waffen fort und schützten die Häupter mit den Händen. Da sie keinen freien Raum zu loser Flucht fanden, ballten sie sich immer wieder zu Haufen zusammen, und die Reiter saßen ihnen im Nacken und badeten sich im Blute. Den tapferen Janisch-Pascha hieb Muschalski, der wehrhafte Bogenschütze, mit dem Säbel in den Nacken, daß ihm das Mark aus dem gespaltenen Grat hervorquoll, und die seidenen Gewänder und silbernen Schuppen der Rüstung befleckte.
Die Janitscharen, die von der polnischen Infanterie geschlagenen Dschamaken und ein Teil der gleich zu Beginn der Schlacht zerstreuten Reiterei, kurz, die ganze türkische Masse floh jetzt in die gegenüberliegende Seite des Lagers, wo über einen tiefen Abhang ein viele hundert Fuß hoher Fels starrte. Dorthin trieb die Angst die Rasenden. Viele stürzten sich in den Abgrund, »nicht um dem Tode zu entgehen, sondern um nicht in die Hände der Polen zu fallen.« Dieser verzweifelten Menge vertrat Bidsinski den Weg; doch die Menschenlawine riß ihn mit sich in die Tiefe des Abgrundes, der sich in kurzer Zeit fast bis an den Rand mit Toten, Verwundeten und Erdrückten füllte.
Aus dem Abgrund erhob sich ein entsetzliches Stöhnen. Hingestreckte Körper zitterten in Krämpfen, stießen sich gegenseitig mit den Füßen und fuhren sich im furchtbaren Todeskampf mit den Nägeln ins Gesicht. Dann wurde dies Stöhnen immer langsamer, immer schwächer, bis beim Morgengrauen alles verstummt war.
Furchtbar waren die Folgen des Husarenangriffes. Achttausend Janitscharen lagen, von Schwertern niedergehauen, an dem Graben, der die Zelte Hussein-Paschas umgab, außer denen, welche auf der Flucht oder auf dem Boden des Abgrundes den Tod gefunden hatten. Die polnische Reiterei war in ihren Zelten, Sobieski triumphierte, die Trompeten und Krummhörner verkündeten mit heiseren Lauten den Sieg, als plötzlich, ganz unerwartet, die Schlacht von neuem begann.
Der Großhetman der Türken, Hussein-Pascha, war an der Spitze seiner berittenen Garde und dem Rest der gesamten Reiterei nach der Niederwerfung der Janitscharen durch das Tor von Jassy ins Weite geflohen; als ihm aber dort Dimitr Wischniowiezkis — des Feldhauptmanns — Fahnen entgegentraten und ohne Mitleid niederzuhauen begannen, war er zurückgekehrt ins Lagers, um einen anderen Ausweg zu suchen, ganz wie ein Wild, das, im Forst umringt, einen Spalt sucht, durch den es entkommen kann. Er war aber mit solcher Wucht herangekommen, daß er im Augenblick eine leichte Fahne durchbrach, das Fußvolk, das zum Teil schon mit der Plünderung des Lagers beschäftigt war, in Verwirrung brachte — und »auf einen halben Pistolenschuß« bis zum Hetman selbst gelangte.