„Die Sendung nach Frankfurt an der Oder wäre in der That nicht abgegangen, wenn ich nicht noch nachgetrieben hätte, Herr Knoop,“ erklärte er. „Ich hatte die Absendung unbedingt versprochen; es war eine geschäftliche Pflichtsache. Auch wollte ich gern die Abendpost noch einsehen. Es war viel da und Eiliges. — Eine große Bestellung vom Reichstagbüreau ist eingelaufen.“
So begründete er seine Verspätung, küßte Frau Knoop die Hand, begrüßte
Margarete mit warmherziger Vertraulichkeit, und warf einen forschenden
Blick zu Ileisa hinüber, die sich nicht weitab mit einem Offizier
unterhielt. —
Endlich ging's zu Tisch. Klamm führte die Tochter eines hohen Beamten im Ministerium. Herr Knoop hatte es so gewünscht, und es war auch richtig so. Klamm wußte die Menschen für sich einzunehmen, und es war klug, nichts zu versäumen, sich dieser Familie Gunst zu erwerben. Von dem Wohlwollen des Herrn Ministerialdirektors hing die Entscheidung über die Vergebung sehr umfangreicher Druckaufträge ab.
Bei Tisch warfen zwei Personen wiederholt forschende, von Eifersucht keineswegs freie Blicke zu ihm hinüber: Margarete und Ileisa!
Und Klamm bemerkte es jedesmal, wenn sie hinüberschauten, und jedesmal begegnete er ihnen mit irgend einer Aufmerksamkeit, indem er entweder das Glas erhob und ihnen zutrank, oder einen Ausdruck stillen Einverständnisses in seinen Augen erscheinen ließ.
Als seine Tischnachbarin, Fräulein von Wiedenfuhrt, dies einmal bemerkte, redete sie Klamm auf die beiden Damen an:
„Wie Fräulein Knoop sei? Sie habe sie nur einigemale bei Bazaren, wo sie zusammen gewirkt, gesehen. Ob sie ein liebenswürdiges, junges Mädchen wäre?“
„Fräulein Knoop ist eine jener tadellosen jungen Damen, an denen man nur bemängeln könnte, daß sie etwas kleinbürgerlich sind. Ihre Natürlichkeit, ihre Gradheit, ihr ungemein rechtschaffener Charakter verschmähen es, irgend welche Schminke zu gebrauchen Und doch würde ihre Anziehungskraft durch eine Milderung dieser Hausbackenheit um vieles gewinnen.“
„Also Sentiments haben Sie für die Tochter Ihres Chefs nicht, Herr von
Klamm? Dann ist ja noch Hoffnung für die vielen, die ihr Auge mit
Sehnsucht auf Sie richten!“ warf das junge Mädchen neckisch hin.
„Glauben Sie wirklich, daß sich jetzt noch jemand aus Ihren Kreisen für mich interessiert?“ gab Klamm auf diese, der verstandesmäßigen Richtung des Fräuleins entsprechende, Rede zurück.