„Ich bin Prokurist in einer Buchdruckerei geworden. Das ist eigentlich so unerhört, daß man die Pflicht hat, von meiner Existenz auf Erden Abstand zu nehmen.“

„Es würde so sein, wenn Sie nicht eben Herr von Klamm wären,“ fiel die Dame mit ehrlicher Anerkennung ein. „Es giebt Ausnahmemenschen, denen alles wohl ansteht, zu denen infolgedessen auch jeder — und wenn er sich noch so sehr sträubt — Stellung nehmen muß. Jüngst wurde Ihr Artikel über gesellschaftliche Arten und Unarten in den Täglichen Nachrichten vielfach besprochen. Ich kann Ihnen verraten, daß er allen ausnehmend gefallen hat, natürlich abgesehen von jenen jungen Zweibeinigen in Frack und Lackschuhen, die alles besser wissen, nur das Allernächstliegende nicht merken, daß sie nämlich recht lächerliche und überflüssige Erscheinungen in der Schöpfung sind.“

„Im übrigen! Wir sind noch nicht am Ende. Sie wollten mir auch noch etwas über das schöne Fräulein von Oderkranz sagen.“

Klamm zuckte die Achseln. „Wenn ich ehrlich sein soll, so läßt mich meine Menschenkenntnis bisher in Stich. Ich weiß nicht sicher, wie sie ist. Ich vermute nur, daß mein Urteil zutrifft. Ich sehe, daß sie sich erstaunlich zu fügen weiß, zu schweigen, ihr eigentliches Wesen zu verbergen versteht. Ganz präzise gefaßt, würde ich sagen:

„Sie besitzt die Kunst, mit ihren Eigenschaften zu ökonomisieren, immer nur das zu geben und zu thun, was am Platz ist. Und doch — und doch —“

„Nun?“

„Ja, und doch gewinnt man keine rechte Beziehung zu ihr, und doch kann man ihr nicht näher kommen.“

„Was vermuten Sie denn?“

„Alles!“ betonte Klamm beinahe feurig. „Ich glaube, daß sich in diesem Mädchen alle jene Eigenschaften finden, die einen Mann in der Ehe glücklich zu machen im stande sind. Sie ist weiblich, sittlich, häuslich, treu und arbeitsam, daneben voll Tiefe und Wärme, und nicht minder voll Begeisterung für alles Schöne und Gute, sofern ihr Gelegenheit geboten wird, es zu bethätigen. Auf ihr ruht aber die Bürde der Abhängigkeit.“

„Ah! Sie schwärmen ja gewaltig, Herr von Klamm. Fast könnte man glauben,
Sie legten eine unfreiwillige Beichte ab.“