Von ihnen führte eine Thür, zu der nur der Herr des Hauses einen Schlüssel besaß, in den Flügel links. Diesen betrat nun auch Herr Knoop, durchschritt die Räume, die vom Hofe Licht empfingen, und begab sich in sein vorn nach der Straße belegenes Kontor.
„Morgen! Morgen!“ erfolgte wiederholt, und fand Erwiderung, während er den Korridor durchmaß.
Redakteure der Zeitungen begaben sich eben grade in ihre Gemächer; der
Faktor, mit Korrekturen in der Hand, kam aus der Druckerei, um eine
Erkundigung im Hauptkontor beim Geschäftsführer einzuziehen, und in des
Chefs Vorzimmer standen und saßen bereits mehrere Personen, die auf sein
Erscheinen warteten.
„Morgen, Herr Knoop!“ erfolgte abermals ehrerbietig im Ton, und wurde durch Kopfnicken beantwortet. Dabei streifte der Chef mit kurzem, scharfem Blick die Anwesenden, gab seinem herbeieilenden Faktotum Auftrag, die draußen Wartenden noch zu bescheiden. Er wolle erst die Post durchsehen, und ließ sich sogleich an seinem Schreibtisch nieder. —
Das zweifenstrige Zimmer war sehr gediegen ausgestattet und mit allen praktischen Bequemlichkeiten der Neuzeit versehen. Elektrische Klingelfäden führten bis an das Pult des Chefs. Verschiedene weiße Knöpfe waren dort zu sehen und besaßen sämtlich Aufschriften. Sie gaben an, wer erscheinen sollte, wenn sich der Finger zum Druck auf ihre Flächen legte. Accidenzfaktor, Zeitungsfaktor, Magazinverwalter, Prokurist, Hausmeister, Kontordiener hatten verantwortlichere Stellungen im Knoopschen Geschäft inne und wurden nicht selten in das Kontor des Chefs befohlen, um seine Wünsche entgegenzunehmen. —
Unter den vielen Briefen, die Herr Friedrich Knoop zu öffnen und zu lesen hatte, und die meist mit Bemerkungen versehen, von ihm in Mappen gethan und vom Büreaudiener den Geschäfts-Abteilungsvorständen überbracht wurden, befanden sich heute auch zwei Privatschreiben, die seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahmen.
Das eine war von seinem älteren Bruder, einem zurückgekommenen
Kaufmann, der sich gegenwärtig als Agent in Braunschweig aufhielt.
In diesem Brief standen folgende Worte:
„Ich frage Dich, Friedrich, zum letztenmal, ob Du mir helfen willst. Wenn Du diesmal meine Zeilen auch nicht beantwortest, mußt Du gewärtig sein, daß die Zeitungen berichten, welche Ursachen daran Schuld waren, daß Theodor Knoop zu einem verzweiflungsvollen Schritt seine Zuflucht nahm. Gedenke unserer verstorbenen Eltern, gedenke, daß unsere Mutter uns beide unter ihrem Herzen trug, und überlege, ob ich nicht wenigstens — was auch immer gewesen sein mag — einer Erwiderung wert bin.“ —
Herr Friedrich Knoop zog die breite Stirn in dem runden, mit einem
Vollbart umrahmten Gesicht in Falten. Auch erhob er sich und ging — er
war mittelgroß, stark beleibt und gedrungen — eine Weile in seinem
Kontor auf und ab. Das geschah, wenn ihn etwas stark beschäftigte.