Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast völlig von Geld entblößt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen könne. Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewiß, wenn sie nicht ihrer thörichten Eingebung gefolgt wäre—von ihm hätte sie eine kleine Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben würde? Vielleicht! Aber die Scham überwog den Drang der Not, und sie gab den Gedanken auf.
Einmal überlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen Vorschuß auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Daß dergleichen von ihr versucht werden könne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen. Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan ließ sie wieder fallen.
Der Jahresanfang erforderte so viel, daß sie schon nicht wußte, wie auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal, und sie bereute später den Schritt.
Mit einemmal türmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz unmöglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ängstlich peinigte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg. Hatte sie überhaupt ein Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Höhe anzugehen? War's nicht leichtsinnig gewesen und mußte sie sich nicht schämen, daß sie so stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte?—
Eines Abends machte sich Ben, nachdem die übrigen Kinder bereits zur
Ruhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nähte an der kleinen
Ange Schulmappe, an der ein Riemen sich gelöst hatte. Die Nadel war zu
fein, es ward ihr schwer.
Plötzlich setzte sich der Knabe ihr gegenüber, blieb einen Augenblick stumm und begann dann mit einem eigentümlichen Ton in der Stimme:
„Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzähltest neulich, ihr hättet ein Zerwürfnis gehabt; war es etwas—etwas mit Geld?“
Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: „Ja, ja, Ben, das verstehst Du nicht.“
„Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht geben?“
„Nein, Ben, es war umgekehrt.“