Und nun wirkten auch alle anderen Dinge bestrickend auf ihn. Mit welcher anmutigen Sicherheit waltete sie im Hause, wie gut, aber wie verständig war sie mit ihren Kindern; das Zuviel, das leichte „Ja“ waren abgestreift. Das Irrelose, Bewegliche, Hastige in ihrem Wesen war gewichen, ein sanfter Ernst umgab sie, der sie verschönte.
Und mit welcher zarten Rücksicht begegnete sie ihm selbst, mit welchem Takt wußte sie den Ausgleich zu finden zwischen dem Vergangenen und Heute. Alles, was jemals in ihm emporgestiegen war, ward zur brennenden Flamme. Saß er ihr auch ernst und mit besonnenem Ausdruck gegenüber, so schlug doch bebend sein Herz; richtete er auch nur einen stillen Blick auf sie, so hämmerten doch seine Pulse, und einmal ballte er, abgewendet, die starken Hände und riß sich zurück aus der überwältigenden Qual, die ihm die Brust einschnürte.
Und doch konnte, durfte er nicht sprechen, und wenn seine Seele sich auch teilte und wenn sein Verzicht sein Lebensglück vernichtete.
Einmal kamen die Kinder während des Abends ins Nebenzimmer und Tibet folgte ihnen. Da trat Teut an Ange heran.
„Wie schön sind Sie, Frau Ange!“ sagte er, ergriff ihre Hand und sah sie mit seinen tiefen, guten Augen an. Ange errötete wie ein furchtsames Mädchen, und ihre Handflächen bebten in den seinen.
„Und wie gut, wie trefflich sind Sie, liebe Freundin!“ fuhr er leiser fort und suchte ihren Blick.
Er sprach's, und die Frau neben ihm zitterte. Nun kam Ben; sie wichen von einander. In dem bleichen Angesicht des Knaben blitzte es auf. Er sah überrascht auf seine Mutter und auf Teut. Ahnte ihm etwas? Einen Augenblick stand er wie erschrocken, dann aber glühte es in seinen dunklen Augen, und mit einer unwillkürlichen raschen Bewegung—gab's ihm ein Gott ein, oder wußte er selbst nicht, was er that?—eilte er auf beide zu, ergriff ihre Hände und neigte sein blondes Haupt auf diese herab.
„O, wie ich Euch lieb habe!“ drang es aus des Knaben Brust. Und da beugten sich auch unwillkürlich Ange und Teut hernieder und berührten gleichzeitig des Knaben Scheitel.
Aber auch ihre Wangen stahlen sich aneinander, und der Liebesgott ließ zwei Flammen emporsteigen, die zusammenschlugen in feuriger Lohe.
Derselbe Gedanke durchzog ihr Inneres: die Vorsehung war's, die ihre Hände durch den Knaben verband, durch den stolzen, herrlichen Knaben mit seiner heißen Seele. Diese legte ihre Hände in einander für immerdar.