Es war vorauszusehen, daß von dem, was sich im Laufe der Zeit in der Clairefortschen Familie zugetragen hatte, mancherlei hinausdrang, und daß die öffentliche Meinung sich begierig und mit wenig Wohlwollen eines Gegenstandes bemächtigte, der zu so verschiedenen Deutungen Anlaß gab.
In erster Linie ward das Verhältnis Teuts zu Frau Ange besprochen, und es fand kaum ein mündlicher Austausch in den C.schen Gesellschaftskreisen statt, ohne daß die holde Frau mit bösen Nachreden überschüttet ward. Wie der Sturm rücksichtslos über ein in seinem unschuldigen weißen Blütenschmuck stehendes Bäumchen dahinwütet, so zerpflückte man Anges Ehre und guten Ruf. Da der Graf, hieß es, ein bedauernswerter, durch sein Nervenleiden kaum mehr zurechnungsfähiger Mann wäre, sei es nicht zu verwundern, daß das empörende Treiben ungeahndet unter seinen Augen sich vollziehe. Auch könne man es einem lebenslustigen, unverheirateten Husarenrittmeister nicht verübeln, wenn er die süßen Früchte, welche eine so verführerische und gefallsüchtige Frau ihm darbiete, nicht zurückweise. Ärgererregend genug sei es, daß er nicht einmal die gewöhnlichen Rücksichten beobachte und das Verhältnis so offen zu Tage treten lasse; aber auch das werde durch ihr exzentrisches und leichtfertiges Wesen eher entschuldigt.
In dieser und ähnlicher Weise erging sich die Gesellschaft in ihrem Urteil und hielt es—selbst nur allzu erprobt in Dingen, die man jenen unterzuschieben sich unterfing—für unmöglich, daß Menschen etwas anderes verbinden könne als eine strafbare Leidenschaft.
Aber man blieb dabei nicht stehen. Die Vermögensverhältnisse Claireforts wurden gleichfalls einer Beurteilung unterzogen. Es sei nichts mit dem großen Reichtum! Nur der maßlosen Verschwendungssucht der Frau widerstandslos nachgebend, habe Clairefort die Villa in solcher luxuriösen Weise herrichten lassen und einen Aufwand gutgeheißen, der jeder Beschreibung spotte.
Nun sei der Rückschlag bereits eingetreten. Niemand wolle mehr Kredit geben; ja, man habe den Dienstboten, welche man entlassen mußte, kaum den Lohn zahlen können. Des Grafen schwermütiges Leiden sei auf diese mit täglicher Sorge verknüpften Verhältnisse zurückzuführen, und wenn von seinem Abschied die Rede, so sei dieser wohl kein freiwilliger.
Ah, und diese Kinder! Habe man jemals eine unverantwortlichere Erziehung erlebt? Wie die Affen wandelten sie einher und erregten Ärger bei alt und jung durch ihre Geziertheit und ihr hochmütiges Auftreten. Zuletzt gedachte man auch noch des geheimnisvollen Verhältnisses zwischen Tibet und dem Grafen und bezeichnete den Kammerdiener als einen gefährlichen Menschen, der im Trüben fische und das sonderbar erscheinende Vertrauen, das man ihm schenke, lediglich zu seinem Vorteil ausbeute.
Bisher war Teut nichts von allen diesen Dingen zu Ohren gekommen. Es lag auch in der Natur der Sache, daß man gegen ihn Verhältnisse nicht berührte, in denen er selbst eine so hervortretende Rolle spielte.
Inzwischen aber ereignete sich etwas, das ihm über die Anschauungen der Menge die Augen öffnete und was nicht ohne Rückwirkung auf ihn selbst blieb. Die Offiziere verkehrten häufig in der Familie eines Herrn von Ink, eines Gutsbesitzers, der vor längeren Jahren, bei Gelegenheit einer zweiten Heirat, seinen Besitz verkauft und eine Übersiedelung in die Stadt bewirkt hatte. Er war ein mehr als harmloser Mensch, der niemandem sonderlich gefiel, aber auch niemandem im Wege stand. Seine Gattin dagegen gehörte zu jenen Frauen, deren rücksichtsloser Egoismus und deren mit einem bedeutenden Verstand verbundene Thatkraft oftmals bedauern lassen, daß ihnen nicht eine andere Stellung und ein anderer Wirkungskreis in der Welt angewiesen ist.
Frau Olga konnte nur hassen oder lieben; richtiger gesagt: nur hassen oder die Menschen sich dienstbar machen, denn sie besaß neben einem übertriebenen Hochmut, wenig Herz und zertrat ohne Bedenken, was sich ihr hindernd in den Weg stellte. Es war indessen bei allen diesen Eigenschaften bezeichnend, daß sie gegen Menschen, die eine Stellung in der Gesellschaft einnahmen, sich von einer geschmeidigen Höflichkeit zeigte und nicht ruhte, bis es ihr gelang, in einen engeren Verkehr mit ihnen zu treten.
Ihr Hauswesen war musterhaft geordnet; man amüsierte sich gut in dem Inkschen Hause. Frau Olga befolgte eine weise Lehre, die so wenigen bekannt ist und jedenfalls selten befolgt wird. Sie betrachtete den Gast wie einen Vogel, der sich nach seiner Neigung hier oder dort unter den Baum flüchtet, nascht, zwitschert und nach Geschmack und Laune wieder davonfliegt.