Der Verkehr mit dem sprichwörtlich reichen Rittmeister Baron von Teut-Eder war seit Jahren für Frau Olga eine unerfüllte Hoffnung geblieben. Alle ihre Versuche, ihn heranzuziehen, scheiterten an seiner höflichen, aber entschiedenen Abwehr. Dies reizte Frau von Ink um so mehr, als Widerstand in solchen Fällen den Wert erhöht. Überdies besaß sie drei Töchter, von denen eine aus der ersten Ehe ihres Gatten stammte.
Klara von Ink, ein blasses, äußerst graziöses, aber nicht mehr ganz junges Mädchen, sah man häufig mit verweinten Augen. Zwei Menschen konnten sich nicht ehrlicher hassen als Mutter und Stieftochter, aber selten fand man auch zwei so verschiedene Charaktern.
Klara war eine offene, aufrichtige, allem Schein abgeneigte Natur, während die Tiefen der Seele einer Frau Olga noch niemand ergründet hatte. Natürlich wünschte Frau von Ink ihre beiden recht hübschen Kinder zu verheiraten, aber nicht minder lag ihr daran, sich endlich Klaras zu entledigen. Teut war eine überaus glänzende Partie. Beide paßten im Alter zusammen, und aus dieser Verbindung konnten sich ebensoviele Annehmlichkeiten entwickeln, wie jetzt Mißhelligkeiten an der Tagesordnung waren. Im übrigen würde Frau Olga auch ihrer Tochter gleichen Namens oder der hübschen Eva nichts in den Weg gestellt haben, obgleich der Rittmeister fast deren Vater hätte sein können.
Ink und Teut hatten sich neuerdings bei einem Pferdehandel berührt. Daraus entwickelte sich eine mehrfache Begegnung, die mit sich führte, daß Herr von Ink den Rittmeister eines Vormittags in sein Haus einzutreten und ihn an dem eben servierten Frühstück teil zu nehmen bat. Teut konnte sich dem nicht entziehen, und nun hatte die ehrsüchtige Frau endlich ihren Wunsch erreicht! Bevor der Gast Abschied nahm, mußte er wohl oder übel noch eine Einladung zu einem unmittelbar bevorstehenden Diner annehmen. Welch ein Triumph für Frau Olga, die sicher eine der gewohnheitsmäßigen Absagen im letzten Augenblick gefürchtet hatte, als der vielbesprochene Baron wirklich zu der festgesetzten Stunde eintraf und damit dauernd für das Inksche Haus gewonnen zu sein schien. Aber auch noch einen anderen längst verfolgten Plan hoffte Frau Olga durch die Annäherung an den Rittmeister zu erreichen. Auch Claireforts gehörten zu den Personen, mit denen es ihr nicht gelungen war, in nähere Berührung zu treten, und nun fand sie eine bequeme und, wie sie vermeinte, sichere Anknüpfung durch Teut. Die gräfliche Familie einmal bei sich zu sehen, einen Blick in das dortige Hauswesen werfen zu können oder gar mit Claireforts dauernd zu verkehren, gehörte zu jenen sehnsüchtigen Wünschen, deren Erfüllung sie kaum zu hoffen gewagt.
Schon bei dem Mittagessen—Teut hatte als letzter eingetretener Gast die Ehre, die Frau des Hauses zu führen—brachte Olga das Gespräch auf Claireforts, aber dieser wich geschickt aus. Er erzählte kurz und bedauernd, daß es seinem Freunde körperlich und geistig schlecht gehe, daß die Frau Gräfin sich infolgedessen mehr und mehr von aller Geselligkeit habe zurückziehen müssen und im übrigen die vollendetste Frau unter Gottes Sonne sei. Er ließ auch einiges über seine Person und seine Verhältnisse fallen und erwähnte, daß die Verwaltung seiner Besitztümer durch fremde Hand manche Unzuträglichkeiten mit sich führe. Er sei aber, wie er hinzufügte, ein Gewohnheitsmensch und zudem ein eingereichter Soldat, der nur sein Handwerk, seine Pferde und die Jagd liebe und dabei doch so bequem werde, daß er beispielsweise eine Einladung seines Vetters zu einem auf acht Tage berechneten Feste auf dessen Gütern ausgeschlagen habe.
Nur eins hätte ihn bestimmen können, seines Verwandten Aufforderung Folge zu leisten, und zwar der Wunsch, darauf hinzuwirken, daß dieser unverbesserliche Junggeselle nun endlich heirate.
„Ah, das sagen Sie?“ rief Frau von Ink, von diesem Gespräch besonders gefesselt, „Sie, der Sie ja fast ein Weiberfeind sind, das heißt—mit einer Ausnahme,“ fügte sie lächelnd hinzu.
„Ich bestreite dies entschieden, gnädige Frau,“ erwiderte Teut, ohne den
Schlußsatz zu beachten. „Ich verehre die Frauen wie alles Schöne auf der
Welt, aber ich habe kein Glück und kein Geschick im Verkehr mit ihnen.
Zudem—je älter man wird—“
„Sie sprechen von Alter!?“
Teut nickte. „Gewiß, wie hoch schätzen Sie mich, gnädige Frau?“