„Ach, Frau Gräfin—“ stotterte Tibet und sah Ange bittend an. „Es ist nichts, gewiß nicht!“
„Ist es denn Neugierde, die mich veranlaßt, Sie zu fragen?“ sagte Ange mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. „Ist es nicht die Sorge für meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thränenvolle Stunden habe ich schon um seinetwillen gehabt!“
Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich eines schweren Vergebens schuldig fühlt und aus Scham und Verzweiflung kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:
„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin. In allem, was ich that, folgte ich dem Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that—ich that gewiß unrecht gegen Sie—o, so vergeben Sie es mir!“
„Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?“ drängte Ange.
„Sprechen Sie endlich.“
Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thür und flüsterte leise: „Schon
seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf überaus starke Dosen
Morphium zu sich. Niemand weiß es. Er befahl mir unbedingte
Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darüber zu sprechen.“
Ange bewegte traurig das Haupt: plötzlich aber schrak sie auf.
„Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoßen sein?“
Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stieß, hineinblickend, einen Schrei aus.
Clairefort saß wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhängende Worte glitten über seine Lippen.