"Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige Mißgeleitete umzuwandeln?"
"Das ist—pardon!—die stete Rede aller derer, die es für erforderlich halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur zuruft: "Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!" Und so fort und so fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung des göttlichen Wesens empören soll!"
"Sie sprechen—" entgegnete Imgjor voll Begeisterung, "für eine
Neugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höher
Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche die
Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
auch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung der
Menschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, das
Los der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nach
Kräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!"
"Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!" fiel nun der Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen hatte.
"Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten möge."
"Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
Papa!" fiel Imgjor ein. "Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtes
Erbteil bewahren."
"Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz bringen."
"Das kann nicht sein," erklärte Imgjor. "Sage dem König, daß ich fürder nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht mehr rückgängig zu machen—unmöglich!"
"Was heißt: kann—unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche, wenn ich es will?" rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß die Gläser zitterten. "Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle, daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen, deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so! Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf Kosten der weiblichen Würde!"
"O, halt! Halt!" rief das in ihrem Innern tief betroffene junge Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. "Daß du das sagst—mir—"