Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein Wohlfahrtsverein begründet werde.
Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was sie einst mit Prestö geplant hatte.
Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu verwirklichen suchen.
Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.
Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas schmerze.
"Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!"
Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine Art
Verzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
Wirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache geworden
sei.
Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte, fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.
"Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen! Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen, schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!"
"Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?" stieß Imgjor in starker Enttäuschung heraus. "Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich, ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe—das meiste gab ich schon hin—bleibt mir höchstens die Möglichkeit, noch einige Zeit zu leben!"