Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
"Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?" neckte sie. Und er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz nahm: "Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!"
"Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn—" entgegnete Lucile. "Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?"
"Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, Komtesse!" fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. "Heute namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich—Sie sprachen von Ihrem Fräulein Schwester—bereits mein Schicksal entschieden hat."
"Wie?—Es ist etwas geschehen? Ah—ahnte mir's doch!" Lucile sprach's stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und ihren Nachbar schieben wollte.
"O ich bitte, erzählen Sie mir!" fuhr sie fort und warf zugleich einen Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden hinüberschaute.
Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
"Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen könnten!"
Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
"Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen—"