"Ja, ja"—Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
"Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf sich nehmen."
"Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!" fiel Axel ein.
"Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt."
"Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,"—betonte
Lucile—"ihn aber—glauben Sie es—bestimmt ihr Geld und die
Befriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein
bereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte den
Menschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und
Besitz handelt—"
"Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser Egoist und Fanatiker, aber—"
"Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen strengen Grundfarben und Koncilianz?"
"Sie beschämen mich, Komtesse—"
"Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank,—ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur—so wäre sie die Rechte für einen Mann, wie Sie es sind.—Ach, meine Mutter hat viel verschuldet! Sie—sie—hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben—"
"Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß Sie sie nicht blindlings lieben—"