Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
"Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über Mamas Haltung Imgjor gegenüber—"
In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen deutlich sagen:
"Also, bitte, übermorgen Abend!" zugleich aber traten beide, Axel bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit gegen ihn und verließ das Gemach.
"Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er begegnete mir hier gerade beim Fortgehen—" erklärte Imgjor, als sich Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits verlassen wolle.
Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, von ihrem Hunde zu sprechen begann.
Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen entgegenschreitenden Nichte des Pastors.—
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