"Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden annehmen?"
"Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die
Beschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt
segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins
Praktische zu übertragen sucht.
Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!"
"Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.
So bringe ich euch in keine Gefahr—" fiel Imgjor, ohne dem von ihrer
Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger
Beharrlichkeit ein.
"Nein!" erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede anzuheben vermochte. "Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit unvermeidlich. Eben lese ich in der 'Orebye Tidende', was der Monsieur dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich will ihn hier nicht mehr haben!"
"Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt fürs Schloß kannst du ihn abschaffen—"
"Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben—ihm, gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken—so erscheint mir der Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen.—Nicht wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?"
Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
"Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn—" fuhr der Graf, ohne auf einer besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu beharren, zu Axel gewendet fort: "Sie vermögen Auskunft zu geben, ob meine Tochter dort war—?"
"Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich danke
Ihnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen die
Ausführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängt
wurde, gefallen haben."