Im Nu wußte er an der anderen Seite des Tisches das Gespräch an sich zu ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen jener begleiteten Redefluß, daß auch Prestö und Imgjor zum Zuhören gezwungen wurden.
Er erzählte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und
charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher
Meisterschaft, daß ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem
Gelächter und mit sehr beifälligen Mienen zutranken.
Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prestö einen
Denkzettel zu geben.
Indem er Prestö lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein so sprechendes Bild von dessen äußeren Erscheinung, seinem Auftreten und Wesen und führte solche Kolbenschläge gegen dessen Ueberhebung und Erziehungsmangel, daß die Hausdame, Fräulein Merville, die offenbar Axels Abneigung gegen Prestö teilte, zunächst mit einem Ausdruck höchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen höchster Befriedigung die Lippen verzog.
Nicht weniger schien die Gräfin durch diese Abfertigung angemutet. Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur zufällig auf Prestö passe oder ob Axel jenen bewußt charakterisiere, zugehört, erschien in der Folge etwas in ihren Zügen, das Axel nicht nur über ihre Meinungen bezüglich Prestös belehrte, sondern die auch sagten, daß sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.
Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.
Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich in das Gespräch, indem sie nicht nur spöttisch Zweifel an der Wahrscheinlichkeit der von Axel erzählten Vorgänge äußerte, sondern auch zum offenen Angriff vorging. "Die Personen, die Sie uns schilderten, Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, daß Sie scharf zu beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, daß Sie besser in fremde Spiegel zu schauen vermögen, als in den eigenen. Letzterer schafft nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaßen, über andere den Stab zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vorträgen, daß sich den Zuhörern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung über ihre Einseitigkeit aufdrängt—"
"Sie haben vollkommen recht, gnädigste Komtesse—" entgegnete Axel auf diese herausfordernde Rede mit vollendeter Höflichkeit. "Nur glaube ich, daß ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswürdig äußern, diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrüdern und Mitschwestern teile.—Nur eine Ausnahme giebt's—ich spreche nicht, um Komplimente zu sagen, gnädigste Komtesse—und diese fand ich hier auf Schloß Rankholm. Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen sicher stets zu gerechten, wenn auch nicht immer völlig milde klingenden Richtersprüchen!"
Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.
Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blässe des Zorns. Die schwarzen Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrötlichen Haar funkelten unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkügelchen knetend, riß den Mund jähzornig zur Seite. Die anderen standen vorläufig noch unter dem Eindruck, daß es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte Neckerei handelte, als daß jene sich bekämpfen wollten.