„Und wenn sie nicht kommen?“

„Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles — verlasse Dich darauf — eine längere Weile nach Wunsch gehen.“

Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:

„Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!“

„Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht aushalten könne,“ schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab, war überhaupt zurückhaltender über „die oben“ als gestern.

„Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute, die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten. Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein.“

Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran gewöhnen.

Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab sich jetzt.

„Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte, Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann — und dann —“ die Frau errötete leicht — „wenn ich demnächst in der Krankenstube liege, würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden —“

Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren Vorteil im Auge!