„Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen, und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge. Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und sich von mir Lehren zu holen!“ —
Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend und schluchzend hielt sie inne.
Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch von dem alten Thema ab und sagte:
„Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer, weit schlimmerer Natur!“
Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte
Antlitz.
Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die Gelegenheit dazu ergriffen.
Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt, aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.
Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes, einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren, halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das schien von Wirkung zu sein.
Grete überlegte; dann sagte sie: „Laß einmal sehen, was sie Dir damals geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis bringen könnte.“
Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre, das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung, in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien, den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch, legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte.