„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig starrt mich das Leben an!“
Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst, Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre, und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens, das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.
Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.
Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe zusammenfassenden Weise heraus:
„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“
Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte sie hinzu:
„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und wer verschuldet das alles?“
„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“
Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr keine Furcht ein.
„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf die Hand.