„Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?“
„Nein, schwerlich.“
Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte. Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen neben mehlig-hellen Kartoffeln.
Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein
Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.
Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.
„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein, fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen. Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß, daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest, obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“
Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt. Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie geleitet.
Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge schauend, erwiderte sie:
„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung; die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also, ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner Beurteilung unterliegen können.“
Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine
noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in
Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum
Aufstehen.