„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren Essen und teuren Weinen?“
„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben, besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man bequem nennt.“
Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf:
„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben, wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest halten, was Sie einmal ergriffen haben.“
„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen, daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch. Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider! Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht weiter leben können, wenn ich einmal —“
Grete stockte.
„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat.
Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.
Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen
Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.
Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden.