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Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen, und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert.
Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten, schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder, und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof eingezogen.
Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt.
Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft mußten eingeschränkt werden.
Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine Entscheidungen.
Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.
Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.
Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden.
Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch. Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung gegeben hatte.