Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben. Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann.
„Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!“ hatte Theonie nach ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck.
Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der Gutsbote Gretes Brief brachte.
„Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt,“ bat Herr von Tressen seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück.
Sie nickte und sagte — schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte durchflogen —: „Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie eigentümlich sie die Sätze formt!“
Dann begann sie:
‚Liebe Mama!
Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald, eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst, wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer. Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt. —
Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: „Drum und dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!“ Grüß ihn besonders!
Deine Grete.‘