„Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?“

„Na ob!“

Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war, hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen, hatte er all seine Unbefangenheit verloren.

Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte, über ihn stellte.

Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.

Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig, und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine, weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber, — ihre Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche gekommen, — und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie. Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu verdienen.

Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet. Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden.

Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben, weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr sonst solche Bemerkungen verboten. —

Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später, nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre Arbeit beiseite.

„Sehen Sie hier, Fräulein Carin!“ bat nun Hederich, der sich zuerst mit Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung. „Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum und dran! So war's noch in keinem Jahre.“