Daß das Leben schwer zu leben ist, hatte ich auch früher schon zuzeiten dunkel empfunden. Nun hatte ich neue Ursache zu grübeln. Bis heute ist mir das Gefühl des Widerspruchs nie mehr verloren gegangen, das in jener Erkenntnis wurzelt. Denn mein Leben ist arm und mühsam gewesen, und scheint doch andern, und manchmal mir selber, reich und herrlich. Mir erscheint das Menschenleben wie eine tiefe, traurige Nacht, die nicht zu ertragen wäre, wenn nicht da und dort Blitze flammten, deren plötzliche Helle so tröstlich und wunderbar ist, daß ihre Sekunden die Jahre des Dunkels auslöschen und rechtfertigen können.
Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche Kreislauf des täglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf, ißt, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde, der gesunde, junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf gleichgültiger Dinge und Tätigkeiten nicht. Wer nicht am Denken leidet, den freut das Aufstehen am Morgen, und das Essen und Trinken, der findet Genüge darin und will es nicht anders. Wem aber diese Selbstverständlichkeit verloren ging, der sucht im Lauf der Tage begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren Aufblitzen beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht. Man kann diese Augenblicke die schöpferischen nennen, weil es scheint, daß sie das Gefühl der Vereinigung mit dem Schöpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch das sonst Zufällige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das überhelle Licht dieser Augenblicke, das alle übrigen so finster erscheinen läßt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, daß das übrige Leben so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich weiß es nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht. Doch weiß ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so muß es eine ungestörte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese Seligkeit durch Leid und Läuterung im Schmerz erlangen kann, so ist kein Leid und Schmerz so groß, daß man sie fliehen sollte.
Einige Tage nach dem Begräbnis meines Vaters – ich ging noch in Betäubung und geistiger Erschlaffung umher – geriet ich auf einem ziellosen Spaziergang in eine vorstädtische Gartenstraße. Die kleinen, hübschen Häuser weckten eine halbklare Erinnerung in mir, der ich grübelnd nachging, bis ich Garten und Haus meines alten Lehrers erkannte, der mich vor einigen Jahren zum Glauben der Theosophen hatte bekehren wollen. Ich ging hinein, der Mann kam mir entgegen, erkannte mich und führte mich freundlich in sein Zimmer, wo um Bücher und Blumentöpfe ein leichter behaglicher Duft von Tabakrauch wehte.
»Wie geht es Ihnen?« fragte Herr Lohe. »Ach, Sie haben ja Ihren Vater verloren! Sie sehen auch bekümmert aus. Ist es Ihnen so nahe gegangen?«
»Nein,« sagte ich. »Der Tod meines Vaters hätte mir weher getan, wenn ich ihm noch fremd gewesen wäre. Ich habe mich aber bei meinem letzten Besuch mit ihm befreundet und bin das peinliche Schuldgefühl losgeworden, das man gegen gute Eltern hat, solange man mehr Liebe von ihnen nimmt, als man geben kann.«
»Das freut mich.«
»Wie steht es denn mit Ihrer Theosophie? Ich würde gern etwas von Ihnen hören, weil es mir schlecht geht.«
»Wo fehlt es Ihnen denn?«
»An allem. Ich kann nicht leben und nicht sterben. Ich finde das Ganze falsch und dumm.«
Herr Lohe verzog sein gutes, zufriedenes Gärtnergesicht schmerzlich. Ich muß gestehen, eben dieses gute, etwas feistliche Gesicht hatte mich verstimmt, auch erwartete ich keineswegs von ihm und seiner Weisheit irgend einen Trost. Ich wollte ihn nur reden hören, seine Weisheit als machtlos erweisen und ihn für sein Glücklichsein und seinen optimistischen Glauben strafen. Ich war nicht freundlich gewillt, nicht gegen ihn und gegen niemand.