Aber der Mann war durchaus nicht so selbstgefällig und in sein Dogma verschanzt, wie ich gedacht hatte. Er sah mir liebreich ins Gesicht, mit aufrichtigem Kummer, und schüttelte melancholisch den blonden Kopf.

»Sie sind krank, lieber Herr,« sagte er entschieden. »Vielleicht ist es nur körperlich, dann ist bald geholfen. Dann müssen Sie aufs Land, hart arbeiten und kein Fleisch essen. Aber ich glaube, es sitzt anderswo. Sie sind gemütskrank.«

»Glauben Sie?«

»Ja. Sie haben eine Krankheit, die leider Mode ist und der man jeden Tag bei intelligenteren Menschen begegnet. Die Ärzte wissen natürlich nichts davon. Es ist mit moral insanity verwandt und könnte auch Individualismus oder eingebildete Einsamkeit genannt werden. Die modernen Bücher sind voll davon. Es hat sich bei Ihnen die Einbildung eingeschlichen, Sie seien vereinsamt, kein Mensch gehe Sie etwas an und kein Mensch verstehe Sie. Ist es nicht so?«

»Ungefähr, ja,« gab ich verwundert zu.

»Sehen Sie. Für den, der die Krankheit einmal hat, genügen ein paar Enttäuschungen, um ihn glauben zu machen, es gebe zwischen ihm und andern Menschen überhaupt keine Beziehungen, höchstens Mißverständnisse, und es wandle eigentlich jeder Mensch in absoluter Einsamkeit, könne sich den andern nie recht verständlich machen und nichts mit ihnen teilen und gemeinsam haben. Es kommt auch vor, daß solche Kranke hochmütig werden und alle andern Gesunden, die einander noch verstehen und lieben können, für Heerdenvieh halten. Wenn diese Krankheit allgemein würde, müßte die Menschheit aussterben. Aber sie ist nur in Mitteleuropa und nur in den höheren Ständen zu treffen. Bei jungen Leuten ist sie heilbar, sie gehört sogar schon zu den unumgänglichen Entwicklungskrankheiten der Jugend.«

Sein leicht ironisch klingender Dozententon ärgerte mich ein wenig. Da er mich nicht lächeln und keine Miene zu meiner Verteidigung machen sah, kehrte der kummervoll gütige Ausdruck in seinem Gesicht wieder.

»Verzeihen Sie,« sagte er freundlich. »Sie haben die Krankheit selber, nicht die beliebte Karikatur davon. Aber es gibt wirklich ein Heilmittel. Es ist Einbildung, daß es keine Brücke zwischen Ich und Du gäbe, daß jeder einsam und unverstanden einhergehe. Im Gegenteil, das, was die Menschen gemeinsam haben, ist viel mehr und wichtiger, als was jeder einzelne für sich hat und wodurch er sich von andern unterscheidet.«

»Das ist möglich,« sagte ich. »Aber was soll es mir nützen, das zu wissen? Ich bin kein Philosoph, und mein Leiden besteht nicht darin, daß ich die Wahrheit nicht finden kann. Ich möchte kein Weiser und Denker werden, sondern einfach ein wenig zufriedener und leichter leben können.«

»Nun, versuchen Sie es! Sie sollen keine Bücher studieren und keine Theorien treiben. Aber an einen Arzt müssen Sie glauben, solange Sie krank sind. Wollen Sie das tun?«