»Probieren will ich es gerne.«
»Gut. Wenn Sie nun körperlich krank wären und der Arzt würde Ihnen raten, Bäder zu nehmen oder Medizin zu trinken oder ans Meer zu gehen, so würden Sie vielleicht nicht begreifen, warum das oder das Mittel helfen soll, aber Sie würden es einmal probieren und folgen. Machen Sie es nun ebenso mit dem, was ich Ihnen rate! Lernen Sie einmal eine Zeitlang mehr an andere, als an sich selber denken! Es ist der einzige Weg zur Heilung.«
»Wie soll ich das aber machen? Es denkt doch jeder zuerst an sich selber.«
»Das müssen Sie überwinden. Sie müssen zu einer gewissen Gleichgültigkeit gegen Ihr eigenes Wohlsein kommen. Sie müssen denken lernen: was liegt an mir! Dazu hilft nur ein Mittel: Sie müssen irgend jemand so lieben lernen, daß sein Wohl Ihnen wichtiger ist, als Ihr eigenes. Ich meine aber nicht, daß Sie sich verlieben sollen! Das wäre das Gegenteil!«
»Ich verstehe. Aber bei wem soll ich das denn probieren?«
»Fangen Sie in der Nähe an, bei Freunden, bei Ihren Verwandten. Da ist Ihre Mutter. Sie hat viel verloren, sie ist jetzt einsam und braucht Trost. Sorgen Sie für sie, halten Sie zu ihr und versuchen Sie, ihr etwas wert zu sein!«
»Wir verstehen einander nicht recht, meine Mutter und ich. Es wird schwer gehen.«
»Ja, wenn Ihr guter Wille nicht weiter reicht, wird es freilich nicht gehen! Das alte Lied vom Unverstandensein! Sie sollen nicht immer daran denken, daß der oder der Sie nicht ganz versteht, Ihnen vielleicht nicht ganz gerecht wird! Sie sollen selbst erst einmal versuchen, andere zu verstehen, andern Freude zu machen, andern gerecht zu werden! Tun Sie das, und fangen Sie bei Ihrer Mutter an! – Sehen Sie, Sie müssen sich vorsagen: Das Leben freut mich doch nicht, so oder so, warum soll ich's also nicht einmal auf diese Art versuchen! Sie haben die Liebe zum eigenen Leben verloren, so schonen Sie es nicht, legen Sie sich eine Last auf, verzichten Sie auf das bißchen Bequemlichkeit!«
»Ich werde es versuchen. Sie haben recht, es ist ja einerlei, was ich tue; warum soll ich nicht das tun, was Sie raten?«
Was mich an seinen Worten ergriff und in Erstaunen setzte, war ihre Übereinstimmung mit dem, was mein Vater mir beim letzten Zusammensein als Lebensweisheit dargetan hatte: Leben für andere, sich selber nicht so ernst nehmen! Die Lehre widersprach meinem Gefühl unmittelbar, sie schmeckte auch ein wenig nach Katechismus und Konfirmandenunterricht, an welche ich, wie jeder gesunde junge Mensch, mit Abscheu und Verachtung dachte. Aber schließlich handelte es sich ja nicht um Meinungen und Weltanschauungen, sondern um einen ganz praktischen Versuch, das schwere Leben erträglich zu machen. Ich wollte ihn machen.