Verwundert sah ich dem Manne in die Augen, den ich nie recht ernst genommen hatte und jetzt als Ratgeber, ja als Arzt gelten ließ. Aber er schien wirklich etwas von jener Liebe zu haben, die er mir empfahl. Er schien mein Leiden zu teilen und mir ehrlich Gutes zu wünschen. Ohnehin hatte mein Gefühl mir schon gesagt, daß ich eine gewaltsame Kur nötig habe, um wieder leben und atmen zu können wie andere. Ich hatte an eine lange Bergeinsamkeit oder an ein wildes Arbeiten gedacht, nun wollte ich aber lieber meinem Ratgeber folgen, da meine Erfahrung und Weisheit doch am Ende war.
Als ich meiner Mutter eröffnete, ich gedenke, sie nicht allein zu lassen, sondern hoffe, sie werde zu mir ziehen und mein Leben teilen, da schüttelte sie traurig den Kopf.
»Was denkst du!« wehrte sie ab. »Das geht nicht so einfach. Ich habe meine alten Gewohnheiten und kann nimmer neu anfangen, und du brauchst Freiheit und darfst dich nicht mit mir beladen.«
»Wir können es ja einmal versuchen,« schlug ich vor. »Vielleicht geht es leichter, als du meinst.«
Fürs Erste hatte ich genug zu tun, um vom Grübeln und Verzweifeln abgehalten zu sein. Da stand ein Haus und war ein ausgedehntes Geschäft mit Guthaben und mit Schulden, da waren Bücher und Rechnungen, war Geld ausgeliehen und Geld aufgenommen, und es war die Frage, was aus dem allen werden solle. Ich war natürlich von Anfang an entschlossen, alles zu verkaufen, doch ging das nicht so rasch, auch hing die Mutter an dem alten Hause, und das Testament meines Vaters wollte auch erfüllt sein, mit allerlei Haken und Schwierigkeiten. Der Buchhalter und ein Notar mußten helfen, die Tage und Wochen gingen mit Besprechungen hin, mit Briefwechseln um Geld und Schulden, mit Plänen und Enttäuschungen. Ich kannte mich bald in allen diesen Rechnungen und amtlichen Formularen nicht mehr aus, gab dem Notar noch einen Rechtsanwalt bei und überließ ihnen die Entwirrung.
Darüber kam meine Mutter nicht selten zu kurz. Ich gab mir Mühe, ihr diese Zeit leichter zu machen, ich hielt ihr alle Geschäfte vom Halse, ich las ihr vor und fuhr mit ihr spazieren. Zuweilen fiel es mir schwer, nicht auszureißen und alles liegen zu lassen, doch hielt das Schamgefühl und eine gewisse Neugierde, wie es gehen werde, mich zurück.
Meine Mutter dachte an nichts als an den Verstorbenen, doch zeigte sich ihre Trauer in lauter kleinen, frauenhaften, mir fremden und oft kleinlich scheinenden Zügen. Anfangs mußte ich bei Tische an des Vaters Platz sitzen, dann fand sie, ich passe doch nicht dahin, und der Platz mußte leer bleiben. Manchmal konnte ich ihr nicht genug vom Vater sprechen, dann wieder ward sie still und sah mich leidend an, sobald ich ihn nur nannte. Am meisten fehlte mir die Musik. Ich hätte viel darum gegeben, einmal eine Stunde geigen zu können, aber das durfte ich erst nach vielen Wochen wieder, und auch dann seufzte sie und fühlte einen Verstoß darin. Auf meine unfrohen Bemühungen, ihr mein Wesen und Leben näher zu bringen und ihre Freundschaft zu gewinnen, ging sie nicht ein.
Da litt ich oft und wollte es aufgeben, doch bezwang ich mich immer wieder und gewöhnte mich an diese Tage ohne Resonanz. Mein eigenes Leben lag brach und tot, nur selten klang das Gewesene dunkel herüber, wenn ich im Traum die Stimme Gertruds hörte oder in einer leeren Stunde mir ungewollt Melodien aus meiner Oper einfielen. Als ich nach R. reiste, um meine Wohnung dort aufzugeben und meine Sachen einzupacken, schien alles dortige mir um Jahre entfernt. Ich besuchte nur Teiser, der mir treulich beistand. Nach Gertrud wagte ich nicht zu fragen.
Gegen das zurückhaltend resignierte Benehmen meiner Mutter, das mich auf die Dauer allzusehr bedrückte, mußte ich allmählich einen regelrechten, versteckten Kampf beginnen. Bat ich sie offen, mir zu sagen, was sie wünsche und worin sie etwa mit mir unzufrieden sei, so streichelte sie traurig lächelnd meine Hand und sagte: »Laß nur, Kind! Ich bin eben eine alte Frau.« So begann ich denn auf eigene Faust zu forschen, wobei ich auch Fragen an den Buchhalter und die Dienstboten nicht verschmähte.
Da fand sich denn allerlei. Die Hauptsache war die: meine Mutter hatte in der Stadt eine einzige nahe Verwandte und Freundin, eine Cousine, die ein altes Fräulein war und wenig Umgang pflegte, mit meiner Mutter aber sehr enge Freundschaft unterhielt. Dieses Fräulein Schwiebel hatte schon meinen Vater gar nicht geliebt, gegen mich aber einen richtigen Widerwillen, so daß sie neuerdings nicht mehr ins Haus kam. Meine Mutter hatte ihr früher versprochen, sie zu sich zu nehmen, falls sie den Vater überlebe, und diese Hoffnung schien ihr mein Dableiben zu vereiteln. Als ich das allmählich erkundet hatte, machte ich denn der alten Dame einen Besuch und gab mir Mühe, mich ihr angenehm zu machen. Das Spiel mit Wunderlichkeiten und kleinen Intriguen war mir neu und machte mir beinahe Vergnügen. Es gelang mir, das Fräulein wieder in unser Haus zu bringen, und ich merkte, daß die Mutter mir dafür dankbar war. Allerdings taten sich die beiden nun zusammen, den von mir gewünschten Verkauf des alten Hauses zu hintertreiben, was ihnen wirklich gelang. Nun ging das Streben des Fräuleins dahin, meine Stelle im Hause einzunehmen und zu dem längst ersehnten warmen Altensitz zu gelangen, den ich ihr noch versperrte. Es wäre Raum genug für sie und mich gewesen, allein sie wollte keinen Hausherrn neben sich und weigerte sich, zu uns zu ziehen. Dagegen kam sie fleißig gelaufen, machte sich der Freundin in manchen kleinen Dingen unentbehrlich, behandelte mich diplomatisch wie eine gefährliche Großmacht und bemächtigte sich der Stellung einer Ratgeberin im Haushalt, die ich ihr nicht streitig machen konnte.