Meine arme Mutter ergriff weder ihre noch meine Partei. Sie war müde und litt tief unter der Veränderung ihres Lebens. Wie sehr der Vater ihr fehlte, merkte ich erst allmählich. Einmal traf ich sie beim Gang durch ein Zimmer, in dem ich sie nicht vermuten konnte, an einem Kleiderschrank beschäftigt. Sie erschrak über mein Dazukommen und ich ging rasch weiter, doch sah ich wohl, daß sie die Kleider des Verstorbenen musterte, und nachher hatte sie rote Augen.
Als der Sommer kam, begann ein neuer Kampf. Ich wollte durchaus mit meiner Mutter verreisen, wir konnten beide eine Erholung wohl brauchen, ich hoffte dabei, sie zu ermuntern und mehr Einfluß auf sie zu gewinnen. Sie zeigte wenig Lust zum Reisen, widersprach mir jedoch kaum; desto eifriger trat Fräulein Schwiebel dafür ein, daß die Mutter dableibe und ich allein reise. Doch wollte ich hierin keineswegs nachgeben, ich versprach mir von der Reise viel. Es begann mir in dem alten Hause mit der armen, unruhig gewordenen und leidenden Mutter unheimlich zu werden; draußen hoffte ich der Mutter besser helfen und meine eigenen Gedanken und Launen besser beherrschen zu können.
So setzte ich es durch, daß wir gegen Ende des Juni abreisten. Wir fuhren in kleinen Tagreisen, sahen Konstanz und Zürich und fuhren über den Brünig dem Berner Oberland entgegen. Meine Mutter hielt sich still und müde, ließ die Reise über sich ergehen und sah unglücklich aus. In Interlaken begann sie zu klagen, sie schlafe nicht mehr, doch beredete ich sie, noch mit nach Grindelwald zu gehen, wo ich für sie und mich auf Ruhe hoffte. Auf dieser törichten, unendlichen, freudlosen Reise sah ich die Unmöglichkeit, dem eigenen Elend zu entrinnen und davonzulaufen, wohl ein. Da lagen die schönen, grünen Seen und spiegelten alte, prächtige Städte, da stiegen die Berge weiß und blau und strahlten blaugrüne Gletscher im Sonnenlicht. Wir beide aber gingen still und unerfreut an allem vorbei, schämten uns vor allem, waren von allem nur bedrückt und ermüdet. Wir machten unsere Spaziergänge, sahen an den Bergen empor, atmeten die leichte, süße Luft und hörten die Kuhglocken auf den Matten läuten, und wir sagten: »Das ist schön!« und wagten nicht, uns dabei in die Augen zu sehen.
Eine Woche hielten wir es in Grindelwald aus. Da sagte meine Mutter eines Morgens: »Du, es hat keinen Zweck, wir wollen umkehren. Ich möchte gern wieder einmal eine Nacht schlafen können. Und wenn ich krank werden und sterben soll, will ich's zu Hause tun.«
Da packte ich schweigend unsere Koffer ein, gab ihr im Stillen recht und fuhr mit ihr, schneller als wir hergekommen waren, den ganzen Weg zurück. Doch hatte ich nicht das Gefühl, in eine Heimat zurückzukehren, sondern in ein Gefängnis, und auch die Mutter zeigte nur eine leise Befriedigung.
Und am Abend des Heimkehrtages sagte ich zu ihr: »Was meinst du dazu, wenn ich allein verreise? Ich würde wieder nach R. fahren. Sieh, ich bliebe gern bei dir, wenn ich irgend einen Nutzen darin sähe. Aber wir sind beide krank und freudlos und stecken einander nur immer wieder an. Nimm du deine Freundin ins Haus, die kann dich besser trösten als ich.«
Nach ihrer Gewohnheit nahm sie meine Hand und streichelte sie leise. Sie nickte dazu und sah mich mit Lächeln an, und das Lächeln sagte deutlich: »Ja, geh nur!«
Mit allen meinen Bemühungen und guten Vorsätzen hatte ich nichts erreicht, als sie und mich ein paar Monate lang zu quälen und sie mir noch viel mehr zu entfremden. Es hatte, trotz des Zusammenlebens, jedes von uns sein Bündel allein getragen und nicht mit dem andern geteilt, und jedes war nur tiefer in sein Leid und seine Krankheit versunken. Meine Versuche waren fruchtlos geblieben und ich konnte nichts Besseres tun als gehen und dem Fräulein Schniebel das Feld räumen.
Das tat ich denn auch in Bälde, und da ich keinen anderen Ort wußte, ging ich nach R. zurück. Bei der Abreise kam mir zum Bewußtsein, daß ich nun keine Heimat mehr habe. Die Stadt, in der ich geboren war und die Kinderjahre gelebt und meinen Vater begraben hatte, ging mich nichts mehr an, hatte nichts von mir zu fordern und mir nichts zu geben, als Erinnerungen. Ich sagte es dem Herrn Lohe beim Abschiednehmen nicht, aber sein Rezept hatte nicht geholfen.
Zufällig stand in R. meine alte Wohnung noch leer. Es war mir wie ein Zeichen, daß es nutzlos sei, den Zusammenhang mit dem Gewesenen abbrechen und sich vor dem eigenen Schicksal flüchten zu wollen. Ich lebte wieder in demselben Hause und Zimmer, in derselben Stadt, packte meine Geige und meine Arbeit wieder aus und fand alles wie es gewesen war, nur daß Muoth nach München gegangen und Gertrud seine Braut geworden war.