»Ich meine den Sekt.«
»O nein, der macht mich ruhig. Ein Glas oder zwei nehme ich immer, wenn ich etwas leisten will. Aber jetzt geh, es wird Zeit.«
Ich wurde von einem Diener in eine Loge gebracht, wo ich schon Gertrud und beide Teisers sowie einen hohen Herrn von der Theaterleitung antraf, der lächelnd grüßte.
Gleich darauf hörten wir das zweite Glockenzeichen. Gertrud schaute mich freundlich an und nickte mir zu. Teiser, der hinter mir saß, ergriff meinen Arm und kniff mich verzweifelt. Das Haus wurde dunkel und aus der Tiefe stieg feierlich meine Ouvertüre zu mir herauf. Jetzt wurde ich ruhiger.
Und jetzt erhob sich und erklang vor mir wohlbekannt und doch fremd mein Werk, das meiner nimmer bedurfte und sein eigenes Leben hatte. Lust und Mühe der vergangenen Tage, Hoffnungen und schlaflose Nächte, Leidenschaft und Sehnsucht jener Zeit standen losgelöst und verkleidet mir gegenüber, die Erregungen heimlicher Stunden klangen frei und werbend in das Haus an tausend fremde Herzen. Muoth kam und hob mit geschonter Kraft an, wuchs und gab sich her und sang mit seiner dunklen, unwilligen Glut, und die Sängerin gab Antwort in hohen, schwebenden, lichten Tönen. Da kam eine Stelle, die hatte ich noch genau so im Ohr, wie ich sie von Gertrud einmal gehört hatte, und sie war eine Huldigung für sie und ein leises Bekenntnis meiner Liebe gewesen. Ich wandte den Blick und sah ihr in die stillen, reinen Augen, die mich verstanden und freundlich grüßten, und in einem Augenblick fühlte ich den ganzen Sinn meiner Jugend wie den feinen Duft einer reifen Frucht mich berühren.
Von da an war ich ruhig und sah und hörte zu wie ein Gast. Beifall klang herauf, die Sänger und Sängerinnen erschienen am Vorhang und verneigten sich, Muoth wurde häufig gerufen und lächelte kühl ins erleuchtete Haus hinab. Man drang auch in mich, daß ich mich zeigen solle; doch war ich allzu benommen und hatte auch keine Lust, aus meiner angenehmen Verborgenheit hervorzuhinken.
Teiser hingegen lachte wie eine Morgensonne, umarmte mich und schüttelte auch dem hohen Herrn von der Theaterleitung unverlangt beide Hände.
Das Bankett war bereit und hätte uns auch nach einem Mißerfolg erwartet. Wir fuhren in Wagen hin, Gertrud mit ihrem Mann, ich mit den Teisers. Auf der kurzen Fahrt begann Brigitte, die noch kein Wort gesagt hatte, plötzlich zu weinen. Sie wehrte sich anfangs und wollte widerstehen, hielt aber dann die Hände vors Gesicht und ließ die Tränen laufen. Ich mochte nichts sagen und war verwundert, daß Teiser gleichfalls schwieg und keine Frage an sie tat. Er legte nur den Arm um sie und brummte wohlwollend und tröstend, wie man ein Kind beruhigt.
Als nachher das Händeschütteln und die Glückwünsche und Trinksprüche kamen, blinzte Muoth mich sarkastisch an. Man fragte angelegentlich nach meiner nächsten Arbeit und war enttäuscht als ich sagte, es sei ein Oratorium. Dann stieß man auf meine nächste Oper an, die aber bis heute nicht geschrieben ist.
Erst sehr spät in der Nacht, als wir uns losgemacht hatten und schlafen gingen, konnte ich Teiser fragen, was seiner Schwester fehle und warum sie geweint habe. Sie selber war längst zu Bett gegangen. Mein Freund sah mich prüfend und etwas verwundert an, schüttelte den Kopf und pfiff, bis ich meine Frage wiederholte.