Erfreut und erstaunt, ihn so rasch verändert zu sehen, tat ich ihm den Willen, und nach dem Spielen plauderte er wie früher, mit Ironie und leiser Skepsis, ließ seine Laune farbig spielen und gewann mein Herz wieder ganz. Die erste Zeit unserer Freundschaft fiel mir ein, und als wir abends das Haus verließen, schaute ich mich unwillkürlich um und fragte: »Du hast keine Hunde mehr?«

»Nein. – Gertrud mochte sie nicht.«

Wir fuhren nun schweigend ins Theater. Ich begrüßte den Kapellmeister und ließ mir einen Platz anweisen. Wieder hörte ich die wohlbekannte Musik, doch war alles anders als das letztemal. Ich saß allein in meiner Loge, Gertrud war fort, und der da unten spielte und sang, war auch ein anderer. Er sang mit Leidenschaft und Gewalt, das Publikum schien ihn in dieser Rolle zu lieben und ging von Anfang an lebhaft mit. Mir aber schien sein Feuer übertrieben und seine Stimme gesteigert, beinahe roh. In der ersten Pause ging ich hinab und suchte ihn auf. Da saß er wieder in seiner Kammer und trank Champagner, und bei den paar Worten, die wir wechselten, waren seine Augen unstet, wie die eines Angetrunkenen. Ich suchte nachher, während Muoth sich umkleidete, den Kapellmeister auf.

»Sagen Sie,« bat ich ihn, »ist Muoth krank? Mir scheint, er hat sich mit Champagner aufrecht gehalten. Sie wissen, er ist mein Freund.«

Der Mann sah mich zweifelnd an.

»Ob er krank ist, weiß ich nicht. Aber daß er sich kaput macht, ist ja klar. Er ist manchmal fast betrunken auf die Bühne gekommen, und wenn er einmal nicht trinkt, spielt er schlecht und singt miserabel. Er hat schon früher immer vor dem Auftreten ein Glas Sekt genommen, aber jetzt tut er's nicht unter einer ganzen Flasche. Wenn Sie ihm raten wollen – – es wird aber wenig zu machen sein. Der Muoth macht sich mit Gewalt kaput.«

Muoth holte mich ab und wir nahmen im nächsten Wirtshaus ein Abendessen. Er war wieder, wie am Mittag, abgespannt und unzugänglich, trank ohne Maß von dem dunklen Rotwein, da er sonst nicht schlafen könne, und sah aus, als wolle er um jeden Preis vergessen, daß es auf der Welt noch andere Dinge als seine Müdigkeit und sein Schlafbedürfnis gäbe.

Unterwegs im Wagen erwachte er für einen Augenblick, lachte mich an und rief: »Junge, wenn ich nimmer da bin, kannst du deine Oper einsalzen, die Rolle kann außer mir niemand singen.«

Andern Tages stand er spät auf und war dann müde und erschlafft, mit unsicheren Augen und grauem Gesicht. Nach seinem Frühstück nahm ich ihn vor und redete in ihn ein.

»Du bringst dich um,« sagte ich betrübt und unmutig. »Du machst dich mit Champagner frisch und mußt es nachher natürlich büßen. Ich kann mir denken, warum du es tust, und ich würde nichts dagegen sagen, wenn du nicht eine Frau hättest. Der bist du schuldig, daß du dich außen und innen sauber und tapfer hältst.«