»So?« lächelte er schwach und scheinbar durch meinen Eifer belustigt. »Und was ist denn sie mir schuldig? Hält sie sich denn tapfer? Sie sitzt beim Papa und läßt mich allein. Warum soll ich mich zusammennehmen, wenn sie es nicht tut? Die Leute wissen ja schon, daß es nichts mehr zwischen uns ist, und du weißt es auch. Nebenher soll ich auch noch singen und den Leuten den Hanswurst machen, das geht nicht aus dem Leeren und aus dem Ekel heraus, den ich an allem habe, an der Kunst am meisten.«

»Du mußt trotzdem anders anfangen, Muoth! Wenn du noch glücklich dabei wärst! Aber es geht dir ja miserabel. Wenn dir das Singen zu viel wird, so nimm Urlaub, den kriegst du sofort; du hast ja auch das Geld, um das du singst, gar nicht nötig. Geh in die Berge, oder ans Meer, oder irgendwohin, und werde wieder gesund! Und laß doch das dumme Trinken! Es ist nicht bloß dumm, es ist feig, das weißt du wohl.«

Er lächelte nur. »Gut,« sagte er kühl. »So geh doch du einmal und tanz einen Walzer! Es würde dir gut tun, glaub mir! Denk doch nicht immer an dein dummes Bein, das ist nur Einbildung!«

»Laß doch,« rief ich ungehalten. »Du weißt genau, daß das etwas anderes ist. Ich würde sehr gern tanzen, wenn ich könnte, aber ich kann nicht. Du aber könntest recht gut dich zusammennehmen und gescheiter sein. Das Trinken mußt Du unbedingt lassen!«

»Unbedingt! Lieber Kuhn, ich möchte fast lachen. Ich kann so wenig anders werden und das Trinken lassen als du tanzen kannst. Ich muß bei dem bleiben, was mich noch notdürftig bei Leben und Laune erhält, verstehst du? Trinker pflegen bekehrt zu werden, wenn sie bei der Heilsarmee oder irgendwo etwas finden, was sie noch besser und dauernder befriedigt. Es hat für mich so etwas gegeben, das sind die Frauen gewesen. Mit andern Frauen kann ich mich nimmer einlassen, seit die meine mein war und mich verlassen hat, also – –«

»Sie hat dich nicht verlassen! Sie kommt wieder. Sie ist nur krank.«

»Das meinst du, und das meint sie selber, ich weiß. Aber sie kommt nicht zurück. Wenn ein Schiff versinken soll, pflegen vorher die Ratten es zu verlassen. Sie wissen wahrscheinlich auch nicht, daß das Schiff kaput geht. Sie fühlen sich nur von einem unangenehmen Schauder berührt und laufen fort, gewiß mit der guten Absicht, bald wiederzukommen.«

»Ach rede nicht so! Du bist schon oft am Leben verzweifelt und es ist doch wieder gegangen.«

»Richtig. Es ist gegangen, weil ich einen Trost oder eine Betäubung fand. Einmal war es eine Frau, einmal ein lieber Freund – ja, du hast mir den Dienst auch schon getan! – ein andermal die Musik oder das Klatschen im Theater. Nun, und jetzt freuen eben diese Sachen mich nimmer, und darum trinke ich. Ich könnte nicht singen ohne ein paar Gläser vorher, aber ich kann auch nicht denken und reden und leben und mich erträglich fühlen – ohne ein paar Gläser vorher. Und jetzt kurz – das Predigen mußt du lassen, so gut es dir steht. Es war schon einmal so, vor zwölf Jahren ungefähr. Da hat mir auch einer gepredigt und nicht nachgelassen, es war wegen eines Mädels, und zufällig war's mein bester Freund – –«

»Und dann?«