Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte, machte plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise zu dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten entwickelten sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.

Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.

„Drehdichum!“ rief der Dichter erstaunt. „Zum Hagel, sind Sie durch den Plafond herabgefallen?“

„Wieso?“ entgegnete lächelnd der Alte.

„Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!“ Er nahm das Lied oder vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. „Sie erlauben doch, daß ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?“

„Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?“ Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem Behagen.

„Ei freilich,“ erwiderte er schmunzelnd, „ein schönes Stück eines wenn schon verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.“

„Askisch?“ rief Karl Hamelt.

„Nun ja, Herr Kandidat,“ sagte freundlich der Philosoph. „Aber gestehen Sie doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es möchte weitere Nachforschungen lohnen.“

„Sie fabeln, Herr Drehdichum,“ lachte beklommen der Dichter. „Dieses Blatt ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.“