Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat. Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch heraus.

„Es ist ja nicht so schlimm,“ sagte er schüchtern. „Nur bei manchen Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.“

Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen!

Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag, unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte. Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter.

Gicht, Herzschwäche, ernster Fall — ich hörte zu und schrieb mir auch alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte, als der Arzt die Überführung ins Spital gebot.

Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene Kammer war.

So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage, die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen, wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!

Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.

Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen.

„Kann ich dir etwas tun, Boppi?“