Ach, nie mehr im Leben würde er eine solche Liebe fühlen können wie zu diesem Knaben. Nie mehr würde er Augenblicke so voll warmer, strahlender Zärtlichkeit, so voll spielenden Selbstvergessens, so voll starker, wehmütiger Süßigkeit erleben können wie mit Pierre, mit diesem letzten, schönen Bilde seiner eigenen Jugend. Seine Anmut, sein Lachen, die Frische seines kleinen, selbstbewußten Wesens waren der letzte frohe, reine Klang in Veraguths Leben, so schien es ihm; sie waren für ihn, was der letzte vollblühende Rosenbaum in einem spätherbstlichen Garten ist. An ihm hängt Wärme und Sonne, Sommer und Gartenfröhlichkeit, und wenn ihn der Sturm oder Reif entblättert, ist es mit allem Reiz und mit jeder Ahnung von Glanz und Freude vorüber.
„Warum magst du eigentlich den Albert nicht leiden?“ fragte Pierre plötzlich.
Veraguth drückte die Kinderhand fester.
„Ich mag ihn schon leiden. Er hat eben die Mutter lieber als mich. Dafür kann man nichts.“
„Ich glaube, er kann dich gar nicht leiden, Papa. Und weißt du, er hat auch mich nimmer so gern wie früher. Er spielt nur immerfort Klavier oder sitzt allein in seinem Zimmer. Am ersten Tag, als er kam, habe ich ihm von meinem eigenen Garten erzählt, den ich selber gepflanzt habe, und da hat er gleich so ein großartiges Gesicht gemacht, und dann sagte er: ‚Morgen wollen wir dann deinen Garten ansehen.‘ Aber nun hat er die ganze Zeit nicht mehr darnach gefragt. Er ist kein guter Kamerad, und er kriegt auch schon einen kleinen Schnurrbart. Und immer ist er bei der Mutter, ich kann sie fast nie allein haben.“
„Er ist auch nur für ein paar Wochen da, mein Junge, du mußt das nicht vergessen. Und wenn du die Mama nicht allein findest, kannst du ja immer zu mir kommen. Magst du nicht?“
„Das ist nicht das gleiche, Papi. Manchmal mag ich gern zu dir kommen, und manchmal lieber zur Mama. Und du mußt ja auch immer so furchtbar viel arbeiten.“
„Daran brauchst du dich gar nicht zu kehren, Pierre. Wenn du gern zu mir kommen magst, so darfst du immer kommen – hörst du, immer, auch wenn ich im Atelier bin und arbeite.“
Der Knabe gab keine Antwort. Er sah den Vater an, seufzte ein wenig und sah unbefriedigt aus.
„Ist dir das nicht recht?“ fragte Veraguth, beklommen vor dem Ausdruck in dem Kindergesicht, das vor Augenblicken noch von lärmender Knabenlust geleuchtet hatte und nun abgewandt und viel zu alt aussah.