»Es sind alles zusammen vierhundert Morgen ohne den Anteil am Moore; früher waren es noch mehr, aber es ist allerlei davon in andere Hände gekommen, als Ihr Urgroßvater gestorben war. Es ist aber noch mehr als genug und der drittgrößte Hof in der Gemeinde.«
Volkmann wurde die Brust eng; daß er einen so großen Besitz antreten sollte, daran hatte er nicht gedacht, denn er hatte ganz vergessen zu fragen, wie viel Morgen der Hof habe.
War es auch ein Glück zu nennen, daß er ihn erbte, er konnte dessen so recht nicht froh werden; immer und immer wieder klang ihm die Stimme des schönen Mädchens durch den Sinn, und wo er ging und stand, sah er ihr gutes Gesicht und ihr goldenes Haar.
Nicht einmal hatte er daran gedacht, daß er ihr etwas sein könnte, zumal sie ja mit einem anderen versprochen war, denn sie trug einen Ring an der Hand; sein Wunsch ging nicht weiter, als daß er mit Ehren vor ihr stehen könnte.
Immer, wenn sie ihm in den Sinn kam, in ihrem hellen Leinenkleide, frisch und rein und rosig, dann sah er sich mit kahl geschorenem Kopf und bartlosem, blassem Gesichte, angetan mit dem grauen Linnen des Zuchthäuslers und ihm war, er müsse sich schämen, daß er an sie dachte, er, der Mann mit dem hingerichteten Namen.
Und nun waren sie vor dem Hilgenhofe. Da lag sein Haus und lachte ihm in der hellen Sonne durch die rauhen Stämme der Hofeichen zu. Ein Hahn krähte zum Willkommen, die Finken schlugen, die Hülsenbüsche hinter der klobigen Findlingsmauer, aus der die Farne heraushingen, blitzten in der Sonne, gleich als wollten sie den angrünenden Machangeln, die sich zwischen sie quälten, und den blühenden Schlehbüschen, die sich über die Mauer rekelten, den Platz streitig machen und den Efeu von den moosigen Steinen fortdrängen und es nicht zugeben, daß die Wildrosen und die Brummelbeeren ihr Recht behielten und die Hundsveilchen, die Grasnelken, die Windröschen und die Goldnesseln, die da überall blühten. Eine Elster schnatterte in der Pappel, Dohlen lärmten hin und her und über dem Hausbusche riefen ein paar Turmfalken. Lüder Volkmann tat einen tiefen Atemzug.
»Ja,« sagte sein Begleiter, »der Hof liegt man einmal schön. Nun wollen wir Frau Grimpe Bescheid sagen. Na, die wird Augen machen! Und passen Sie auf, die redet einem ein Loch in den Strumpf und wenn man Kniestiefel anhat. Da ist sie ja schon!«
Eine untersetzte Frau von rundlicher Gestalt mit dicken weißen Armen kam aus der Türe; sie mochte so in den dreißiger Jahren sein, sah freundlich und sauber aus, hatte aber einen unsteten Blick.
Sie schoß auf Garberding zu: »Guten Morgen, Herr Vorsteher; wo komme ich zu die Ehre? Wollen Sie nicht ein büschen näher treten? Sie haben doch noch nicht gefrühstückt? Doch! Schade! He, Pollo! Der Hund kann sich immer noch nicht an die Katze gewöhnen, so viele Schläge er darum auch schon gekriegt hat. Ein Glück, daß Sie erst jetzt kommen; bis Uhre sechse haben wir gewuracht; die eine Sau hat Junge gekriegt, acht Stück. Wollen Sie sie mal sehen? Das eine hat, mit Respekt zu sagen, keine Leibesöffnung. Was macht man bloßig damit? Die Ferkel haben ja jetzt gute Preise; vielleicht kann der Tierarzt da was an machen. Oder was meinen Sie, ob 'ne Opratschon Sweck hat? Das arme Tierchen! Es säuft aber trotz alledem. Ja, wer kann vor Malheur!«
»Das ist der Besitzer vom Hilgenhofe, Herr Volkmann«, mit diesen Worten hackte der Vorsteher ihr das Wort vor dem Munde ab.