Lüder schwoll die Brust, als er den Namen Mehls hörte. Das war der Mann, der ihn zu Tode gehetzt hatte, einst sein Freund, und dann sein Todfeind, den seine politischen Gegner auf seine Wundfährte gelegt hatten, um ihn zur Strecke zu bringen.
»Ja,« sprach der Rechtsanwalt und warf seinem Hunde eine Hand voll Wursthäute hin, »auf dem Bauche soll er kriechen und Staub fressen, der Schweinehund. Ich habe jetzt ein paar Wechsel von ihm in der Hand, damit bringe ich ihn an den Galgen. Seine zweite Frau, wenn es nicht schon die dritte ist, ist ihm ausgerückt, sein Haus ist ihm verkauft, keinen Kredit hat er ooch nicht mehr. Kinder, das Leben ist doch schön! Es lebe das edle Waidwerk und die Jagd auf das Raubzeug! Horüdhoh, do, do, do, do!«
Es wurde ein gemütlicher Abend; der Vorsteher, der sich sonst sehr zurückhielt, taute auf, denn er mochte den langen Rechtsanwalt gern und den Baumeister auch.
Als der Tisch abgeräumt war, wurden Volkmanns Angelegenheiten besprochen. Garberding und Schönewolf waren der Meinung, daß Volkmann den Hof selbst bewirtschaften sollte; Freimut sagte nichts dazu. Nachdem Garberding sich verabschiedet hatte und Schönewolf, der vor Tau und Tag zur Birkhahnbalz in das Moor wollte, zu Bett gegangen war, sagte er:
»Das mit dem Hofe halte ich für Duffsin. Zum ersten, weil Ihr von der dicken Kartoffelzucht nichts versteht, zum zweiten, weil es ein bethlehemitischer Kindesmord wäre, wenn Ihr Euch hier verkriechen wolltet. Freunde habt Ihr genug; ich würde kaltlächelnd wieder die Feder in die Faust nehmen und darauf loshauen. Wir haben damals bei der ganzen befreundeten Presse angefragt, ob sie ferner von Euch Leitartikel und Kunstbesprechungen nehmen würde, und überall hieß es: ›Nun grade!‹ Verpachtet den Hof gut, behaltet Euch eine Stube vor, damit Ihr mit uns jagen könnt, oder noch besser zwei, dann sind wir gleich mitten drin in der Jagd, denn dem guten Nordhoff liegt an Bett- und Mittagsgästen scheußlich wenig und er ist froh, wenn wir ihm sein Bitterbier austrinken und ihn sonst in Frieden lassen. Ihr gehört vorne an, Mann, und nicht hinten in die Haide. Das ist meine Meinung.«
Volkmann schüttelte den Kopf: »Nein, lieber Freimut, ich bleibe hier. Erstens ekelt mich die Parteipolitik an; denn ob schwarz, blau oder rot, mit Wasser wird überall gekocht, mit sehr trübem Wasser oft. Selbst bei meiner Niedersächsischen Bauernzeitung, bei der ich doch alle Parteiklüngelei ausließ, habe ich mich oft drehen und wenden müssen. Und meine anderen Schreibereien? Du lieber Himmel, das, was ich als Kunstkritiker und im Feuilleton leistete, das können hundert andere auch und manche viel besser. Überhaupt ist mir alles, was nach Luxus und Asphalt riecht, in die Seele verhaßt; am wohlsten habe ich mich gefühlt, als ich im Blockhause lebte und keine andere Gesellschaft hatte als meine Margerit, meinen Schweißhund und den Homer.
Unsere Parteipolitik, unsere Kunst, unser Feuilleton, lieber Mann, es ist wie der Asphalt; es sieht glatt und sauber aus, und besieht man es in der Sonne, dann klebt es und stinkt. Ich danke ergebenst! Ich will das werden, was meine Ahnen waren: ein Bauer und von dem ganzen Stadtkrempel mit seiner Talmikultur keinen Schwanzzipfel mehr sehen. Habe ich mich in Kanada, wo doch das Wort gilt: Trapping for sport very well, for Life damned, bequem durchgebracht und noch einen Rucksack voll Dollarnoten dabei übrig gehabt, so werde ich hier auch schon durchkommen. Und ich habe ja Ruloff Ramaker bei mir. Ich weiß, Ihr meint das gut mit mir, aber ich habe mit allem abgeschlossen, was außerhalb meines Ichs liegt.«
Gellendes Hasenquäken weckte ihn am anderen Morgen. Er fuhr im Bette in die Höhe, das er jetzt allein hatte, da Ramaker bei dem Knechte schlief, und sah Freimut vor sich stehen.
»Auf! sprach der Fuchs zum Hasen; hörst du nicht den Jäger blasen?« schrie der und warf ihm einen Jagdanzug auf das Bett: »Host Euch damit an, Hochedler, denn Eure Kluft ist mehr interessant, als sonntagsgemäß. Wir wollen dem Amtsrichter auf die Bude rücken; ich bin gestern bei ihm vorgefahren und er erwartet uns. Wir duzen uns beide; er war mit mir in Berlin im V. d. St. und mit seiner Frau bin ich so auf Umwegen auch noch verwandt, denn sie ist eine Hasselmann, Schwester von unserem Hasselmann, der jetzt in Deutschsüdwest herumtobt.
Donnerhagel, sitzt Euch das Zeug fein, besser als mir! Hier ist ein Hut, und hier ein Wanderstab, wie es sich für den deutschen Mann gehört. Der Vorsteher schickt ihn; Ihr sollt ihn behalten. Seht, da hat er die Volkmannsche Hausmarke hineingeschnitten.«