Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, die bunt von vielerlei Blumen war und von wo Efeuranken, silbern in der Sonne blitzend, an den roten Fuhrenstämmen emporkrochen.
Volkmann zog seine Uhr heraus und seufzte; es war erst sieben und vor zehn Uhr konnte er doch nicht gut dahin gehen, wohin es ihn zog. Er nahm den Hut ab und zog die Jacke aus, so heiß war ihm, nicht aber vom schnellen Gehen und von der Sonne, sondern vor Seligkeit.
Wie war das eigentlich alles gekommen? Er saß im Wagen und sie ihm gegenüber; sie hielt seine braune Hand in ihren weißen Händen und es war, als wenn viele, viele kleine rosige Kinderhände ihn streichelten, als sie sagte: »So habe ich doch noch Gelegenheit, Ihnen meinen Dank für das zu sagen, was Sie an mir taten.«
Er hatte gestottert, wie ein Schuljunge, als er abwehrte: »Das ist doch nicht der Rede wert!« Aber sie war rot geworden, hatte reizend gelächelt und gesagt: »Sie wissen ja gar nicht, was ich meine,« und als er sie verwundert fragte, was das sei, da war sie rot geworden bis auf die Brust und hatte mit niedergeschlagenen Augen geflüstert: »Vielleicht später.«
Seine Tischnachbarin zur Linken war von ihrem Herrn so in Anspruch genommen, daß Lüder sich um sie nicht zu kümmern brauchte, und es dauerte gar nicht lange, da stieß die junge Frau Freimut ihren Mann an und sagte: »Sieh die beiden an; ich glaube, die kennen sich schon lange. Herr Gott, gäbe das ein schönes Paar!«, worauf ihr Mann erwiderte: »Dann würde ich nicht bedauern, an diesem Feste teilgenommen zu haben,« und dann rief er »Au!«, denn seine Frau hatte ihn auf den Fuß getreten und »Ekel!« gesagt.
Lüder und Holde aber vergaßen Essen und Trinken, und mehr als einmal stand der Oberkellner mit seinem Gehilfen achselzuckend hinter dem Paare und sah hilfeflehend zu Freimut hin, bis der über den Tisch rief: »Volkmann, magst du keine Forellen? Es sind Haidjerinnen aus Bienenbüttel!«
Und Volkmann sah verwirrt um sich, nahm, vergaß zu essen und sprach oder hörte zu, denn viele Abschnitte ihrer Lebensbücher lasen sie zusammen, und als Pastor Wunderlich eine so lustige Rede auf die Schwiegermütter im allgemeinen und die in diesem Falle vorzüglich in Betracht kommenden hielt, daß aller Augen an seinem Munde hingen, da drückten Lüder und Holde sich unter dem Tische die Hände und sie schob ihm ihren Ring an den kleinen Finger der linken Hand.
Ein goldener Schein flammte über die Lichtung hin; der Pirol war es. Er sah mit seinen rubinroten Augen nach dem Bauern, schwang sich empor und ließ aus der Krone der Fuhre einen goldenen Jubelruf zu dem Manne herabklingen, verstummte und jauchzte aus der Ferne weiter, während rund umher Fink und Meise, Amsel und Drossel und alle die anderen vielen Vögel ihre Lieder ineinanderflochten und die gelben Zitronenfalter so lustig über die hellen Blumen tanzten, wie Lüders Erinnerungen über dem Abend, der hinter ihm lag.
»Ich bin der allerglücklichste Mensch auf der Welt,« sagte er vor sich hin. »Wäre ich wohl so glücklich, wenn ich nicht so lange Jahre im Schatten gegangen wäre?« dachte er. »Sicher nicht. Ich wäre bei dem unruhigen Leben in der großen Stadt verflacht, hätte mein Herz nach und nach verzettelt und wäre schließlich ein Geldjäger und Bierphilister geworden.