»Wenn das unser Vater noch erlebt hätte,« rief sie, lachte listig in sich hinein und fuhr, sobald Holde sich wieder helfen konnte, zur Stadt.

Fünf Jahre lebte sie noch auf dem Hofe, bis ihr an einem Maiabend die Luft wegblieb. »Die Kinder,« stöhnte sie, und man brachte sie zu ihr.

Sie strich jedem über den Kopf und lächelte müde. Noch einmal hob sie den Kopf: »In der Beilade!« Um ihren Mund stand ein verschmitztes Lächeln, ehe sie verschied.

Als nach dem Begräbnis Frau Volkmann die Beilade der Toten aufschloß, fand sie oben auf dem Sonntagszeuge einen Brief, dessen Aufschrift lautete: An Lüder Volkmann; er enthielt eine Abschrift der Erbverschreibung, wonach Katharina Hermine Magdalene Garberding vormalige Tormann nach dem Willen ihres Mannes ihren gesamten Besitz und was dazugehörig war an Lüder Volkmann vermachte. »Doch,« so hieß es am Schlusse, »soll er nicht gehalten sein, alles zu behalten, vielmehr darf er mit Ausnahme der dreihundert Morgen, die vordem beim Hilgenhofe waren, darüber frei verfügen.«

Frau Volkmann wurde blaß, als sie das Schriftstück las. »Lieber Lüder,« sagte sie, »das geht doch nicht. Wer weiß, ob nicht unter den Verwandten von unserer Großmutter Leute sind, die es sehr nötig haben.«

Ihr Mann nahm sie in den Arm: »Das freut mich, Holde, daß du auch so denkst; genau dasselbe habe ich zu Garberding gesagt, als er mir kundgab, daß er uns seinen Hof hinterlassen wolle. Wir wollen uns nach der Verwandtschaft umsehen; vielleicht ist einer darunter, der auf den Hof paßt.«

Als es im Dorfe bekannt wurde, daß der Vorsteher den ganzen Tormannschen Hof geerbt habe, gab es erst ein großes Gerede, aber als es sich herumsprach, daß Volkmann nur die dreihundert Morgen behalten wolle, das andere aber bis auf ein Stück, das der Rechtsanwalt Freimut zukaufen wollte, an einen aus der Garberdingschen Verwandtschaft hingeben wolle, da war das Gerede noch größer, und hatten etliche Leute erst angedeutet, daß Volkmann es schlau angefangen habe, um das Erbe zu bekommen, so taten dieselben Männer jetzt so, als wenn er nicht alle fünf Sinne beieinander habe.

Er aber kümmerte sich weder um die feindlichen noch um die mitleidigen Blicke und beauftragte Freimut, Erkundigungen über die Verwandtschaft einzuziehen.

Über ein Jahr ging darauf hin; schließlich fand der Anwalt heraus, daß am Rhein eine Fuhrmannswitwe Tormann lebte, deren ältester Sohn ein tüchtiger Bauernknecht sein sollte.

Sobald er konnte, reiste Freimut hin, und als er wiederkam, meinte er: »Das ist der richtige; ein Kerl wie ein Baum, Augen wie ein Kind, Fäuste wie ein Hausknecht und ein Herz wie ungemünztes Gold. Die Leute können eben leben; es sind noch zwei Mädchen da, eine von vierzehn und eine von siebzehn Jahren, ganz prächtige Mädels, und die Mutter ist auch so. Ich habe natürlich nicht gesagt, um was es sich handelt, ich sagte nur, daß sie von dem baren Gelde geerbt hätten; wieviel es wäre, wüßte ich nicht. Da sagte der älteste, Hermann heißt er: ›So viel ist es wohl nicht, daß wir uns ein paar Morgen Land kaufen könnten; hier ist billig etwas zu kriegen.‹ Den Mann nimm, Lüder. So, und wo ist der Bock, den du mir währenddem ausmachen wolltest?«