Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie sagte ihm: »Die Hauptsache ist, daß du dir die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht fort, und wenn sich die Menschen vordrängen, so werden sie wohl ihre Ursache dazu haben. Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist sehr schön.«

So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof entstehen, schilderte die Schicksale der Leute, die darauf saßen, und als er in kurzen Zügen die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei Helmold Hilgen an, der während des Dreißigjahreskrieges lebte und dessen zweiter Sohn Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, ein Heft mit Aufzeichnungen über das, was ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.

Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, so daß er weiterkommen konnte bis zu Henning Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete und zur Zeit des ersten Napoleon lebte. Das war ein ausnehmend gescheiter Mann; er hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse auf dem Hofe und im Kirchspiele geführt und immer die großen Zeitereignisse dabei bemerkt, soweit sie Einfluß auf den Hof hatten, auch seine eigenen Gedanken dabei nicht vergessen, die er sich darüber gemacht hatte.

Da nun ein Schillscher Offizier, der lange mit einer schweren Wunde auf dem Hilgenhofe lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und die Kinder als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet hatte, auch auf zehn Seiten in trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben hatte, so hatte Lüder diesen seinen Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn Schreibheften das ganze Leben dieses ausgezeichneten Bauern, der ein Mehrer des Hofes und fünfzig Jahre lang Bauernvogt war, beschrieben hatte.

In vier weiteren Heften schloß sich der Niedergang des Hofes an, bis im fünfzehnten und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, der weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, der Landstreicher, den Beschluß bildeten.

Es war Ende Februar, als der Bauer mit der Geschichte des Hofes zu Rande war. Sein Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während des Schreibens ruhig verhalten hatte, denn je mehr er schrieb, um so ruhiger wurde es in ihm.

Er gab die fünfzehn Hefte der Bäuerin; sie las sie trotz der engen Schrift in einem Zuge durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen, gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst du mir schenken, es ist wundervoll.« Er nickte, und als sie weiter fragte: »Darf ich damit machen, was ich will?« nickte er wieder und sagte: »Gewiß, Holde, was du willst!«

Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, nach draußen zu gehen, denn bis dahin war er nur im Hause auf und ab gegangen. Die Bäuerin gab ihm den Arm und führte ihn in den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen blühten, und von da bis zum Ende des Grasgartens, weil dort die Vormittagssonne am wärmsten war.

Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich durch den Winter gekommen war, flog aus dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg auf und sang. »Ich habe es gut getroffen, Holde,« sagte der Bauer, »gleich beim ersten Schritte vor das Haus singt mir die Lerche zu.« Seine Frau nickte lächelnd; sie hatte ihre eigenen Gedanken.

In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen war, um nach den Knechten zu sehen, denn er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen Häusling Lüdeke, mit dem er es gut getroffen hatte, saß die Bäuerin jeden Tag und schrieb die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab, und wenn ihr Mann sie dabei antraf und sie fragte, warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann sagte sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit machen, was ich will.«