Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster, der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße, von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er wollte doch wenigstens hinsehen.

Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert. Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen sich zum Weinen, Hennigs Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes sahen starr nach dem Gesicht des Kranken.

Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein' einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme: »Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du gesagt. Gemeine Lüge!«

Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her; dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie, eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes: Maserholz, grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«

Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: »Mariee, Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reife ist Beginn der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch noch solche Augen machst.«

Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: ich will ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich ganz artig.«

Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles! Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch, Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator, Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts, sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die verdammten Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? Häh?«

Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus, Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Kanaille und halt sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, stell' dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm. Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. Du sagst, du willst nicht? Teuf, Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht, und das ist mir lieber.«

Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab den Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt. Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich! Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her, Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«

Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm her, einmal, o du, du, du!«