Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen, ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.
Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er: »Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung im Befinden eintritt, klopfe ich.«
Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt, wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht. Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.«
Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke. Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«
Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich, öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«
Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« sagte er ganz laut. Er sah erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es.« Er trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«
Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein.